„Ich mag Twitter-Diskurse“ oder „Warum mich Engin an die Schweine verfüttern will“

Meinem Twitter-Account folgen 53 Personen, 65 folge ich, 532 Mal habe ich in den vergangen Monaten Tweets rausgeschickt oder die Tweets anderer User retweetet. Und das war’s auch schon mit den harten Fakten. Und in der Mitte dieses Textes will mich Engin (alias RTE, drei Follower)  in einen Mixer stecken und an die Schweine verfüttern. Aber der Reihe nach. 

Ich mag Twitter. Man bekommt keine „Freundschaftsanfragen“ von Leuten, die man entweder nicht kennt oder – oftmals – überhaupt nicht mag. Man wird nicht mit „Träum nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“ auf Sonnenuntergang-Bildern genervt. Man braucht weniger Angst zu haben, dass die Kollegen aus dem Büro auf Bilder oder Statusmeldungen stoßen, die einen in kompromittierenden Zuständen zeigen oder aus kompromittierenden Zuständen heraus entstanden sind.

Aber vor allem: Man kann praktisch mit jedem Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt treten, sich in die verschiedensten Diskussionen einklinken und sich darin üben, in 140 Zeichen zu sagen, was wirklich wichtig ist oder einfach mal kurz und prägnant auf die Kacke zu hauen. (Wieviele Zeilen habe ich schon?).

Nun zu Engin, der jetzt RTE heißt (Für Shitstorms bitte an @EnginBjk1411 wenden). Es war ein sonniger Tag nahe Karlsruhe als ich morgens (da lag ich noch im Bett) schon völlig angepisst war von der allerersten News meines noch so jungen Tages. Der türkische Ministerpräsident Erdogan hatte mit seinem Auftritt in Köln dafür gesorgt, dass 2000 Polizisten aufmarschieren mussten (geschätzte Kosten des Einsatzes: 1 Million Euro). So genervt, dass ich dies auch auf Twitter loswerden musste: „Den Mann sollte man nicht schützen, sondern vor den Gerichtshof für Menschenrechte stellen LINK“.  Dass sich der türkische Staatsgründer Atatürk – der Dinge über den Islam gesagt hat, die ich mich nicht einmal zu zitieren traue (Google und so!) – sich angesichts der islamisch-konservativen Regierung Erdogans im Grab umdrehen würde, sei an dieser Stelle durchaus erwähnt.

Fünf User waren meiner Meinung. Nur einer nicht: Engin. Er findet es doof, was ich denke, und antwortete kurzerhand: „@KrischkeBen und dich sollte man in ein mixer stecken und danach den schweinen zu fressen geben“. BAM! Soweit, so hohl. Pikantes Detail (Gruß an Sebo): Engin hat weder ein Profilbild, noch sonst irgendwelche persönlichen Daten von sich online. Sein Profilbild zeigt Erdogan, wie er die türkische Flagge küsst. Der Humor kennt keine Grenzen, Ironie sowieso nicht. War es doch Erdogan, der Twitter verbieten wollte. Ist es doch Engin, der nicht einmal genug Eier in der Hose hat, um seiner Meinung auch ein Gesicht zu geben.

Ich habe mich über Twitter schon ein paar Mal gestritten: Mit einer jungen Feministin, die man mit #aufschrei in Verbindung bringt. Mit Dortmund-Fans über das CL-Finale und die Causa Hoeneß. Mit einem TU-Studenten über meine Meinung zum Syrienkonflikt. Ich mag den Diskurs, selbst wenn er in der Hitze des Gefechts droht auszuarten. Solange es ein Gesicht zur Meinung gibt: Gerne.

Warum ich ausgerechnet über Engin schreibe? Warum ich nicht einfach sage „Gut, Depp halt, einfach ignorieren“? Weil ein Kollege von SPIEGEL ONLINE sich einem aggressiven Shitstorm samt Morddrohungen ausgesetzt sah, als er kritisch über Erdogan berichtete. Und ich verstehen kann, dass es an die Substanz geht, wenn es nicht bei einem Idioten bleibt, sondern Tausende Fußsoldaten ihre unreflektierte Meinung auskotzen.

Deshalb an dieser Stelle: Wenn ihr Idioten schon droht, dann zeigt wenigstens genug Mut und ein Gesicht zur Meinung. Alles andere macht Euch zu Mitläufern. Nicht mehr. Überhaupt nicht. Lernt Höflichkeit und Manieren, lernt Demokratie. Lernt beim Thema Erdogan kritisch zu reflektieren. Über eure eigene blinde Gefolgschaft. Zeigt etwas Empathie mit den Opfern eines autoritären Führers. Zeigt etwas Männlichkeit. Oder in eurem Duktus: „Eure Mütter!“

 

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