„Ironie ist des Teufels“ oder „Mein Leben ist scheisse – ach nee, war deins“

Oh, ich wurde schon ein paar Mal beschimpft in meinem Leben. Meistens schriftlich. In Kommentarfunktionen. Als „frigider Hurensohn“ zum Beispiel. Schläge wurden mir auch schon angedroht. Von Frauen. Wieder schriftlich. Wieder in der Kommentarfunktion, weil ich eine zeitlang gemeinsam mit einer Kollegin über Klischees bei Männlein und Weiblein geschrieben habe. Und (in diesem Fall) darüber, dass viele Frauen immer genau das haben wollen, was sie gerade nicht haben. Mehr hatte ich eigentlich nicht gesagt. Hier und da vielleicht eine etwas böse Formulierung, aber Herrgott! Muss man mir deshalb gleich den Krieg erklären? Das Internet vernetzt uns alle. Und wir haben keine andere Wahl, als tagtäglich mit den unreflektierten Meinungen von irgendwelchen Idioten konfrontiert zu werden, die nur sauer sind, weil ihr Leben scheisse ist. (Zu hart?)

„Wenn ich den Kerl auf der Straße treffe, dann würde ich ihm in die Fresse hauen“ war damals so ein Satz, der mich zu der Frage brachte, ob ich tatsächlich so ein Chauvi-Schwein bin, wie die junge Dame vermutete (Bin ich nicht, WEIB!). Das Absurde: Vor ein paar Jahren – auch in diesem Fall – liefen die Beschimpfungen noch mit Pseudonym in einem Kommentarkästchen ab. Da ist die Hürde natürlich geringer, der Zorn grenzenloser und vielleicht tat’s ihr hinterher ja auch leid (oder auch nicht).

Heute allerdings sieht das anders aus. Auf Facebook geht es rund, inklusive Profilbild, Namen, oftmals noch Wohnort und Arbeitgeber, weil man zwar entdeckt hat, wie Kommentieren funktioniert, aber nicht, wie man Sicherheitseinstellungen bearbeitet. „Gib jetzt deine Telefonnummer ein, um dein Profil noch sicherer zu machen“ ist mein Lieblings FB-Pop-Up. Und, bei Gott, ich bin mir absolut sicher, dass ausgerechnet die Idioten ihre Nummer angeben, die voller Inbrunst auf WhatsApp schimpfen. Und während man mit ein paar Klicks rausbekommt, mit wem man es da zu tun hat, werden die Kommentare immer hohler und noch überflüssiger als je zuvor (von Grammatik und Rechtschreibung ganz zu schweigen).

Es ist ein Phänomen. Und zwar kein Gutes. Denn das, was man früher noch weitestgehend unter einer Diskussionskultur verstanden hat, löst sich heute immer mehr auf. Unreflektierte Meinungen zu Nahost-Themen oder über die klassischen Verschwörungstheorien, nach denen alle Journalisten, die bei einem großen Medium arbeiten, sowieso nicht mehr sind als Marionetten der Freimaurer. Oder Kommentare, um den vorangegangen Kommentator und seinen Kommentar zu korrigieren. Besonders schön und ganz aktuell: „Katzenbesitzer sind schlauer als Hundebesitzer“, so die Schlagzeile. Darunter ein Kommentar mit „Blötsin!“. Vor Lachen wäre ich fast vom Stuhl gefallen. Humor kann man eben nicht lernen. Dass darunter dann ausgerechnet mit „‚Blödsinn‘ schreibt man so“ kommentiert wurde… was soll ich sagen… made my day. Und: Ich hab geguckt. Yvonnes Füße sind tätowiert, sie ist Altenpflegerin von Beruf, seit kurzem mit Barbara befreundet und findet das Sportstudio Eurofit ganz toll (31 Likes). Theorie bewiesen. Aber, liebe Yvonne, wenigstens bist du höflich und nett geblieben. Und Ironie ist des Teufels, also gräm dich nicht, drückumarm.

Yvonne ist auch nicht das Problem. Sie meint es ja nur gut, weil sozialer Beruf und so. Nein, mir geht es eigentlich um die ganzen Asozialen da draußen! Schlagzeile: „Kurz vor dem Haushaltsabschluss 2014 – Schäuble muss noch ein Milliarden-Loch stopfen“. Kommentar von Mike (kleine Tochter, Tattoo im Gesicht, war auf der Gleisbergschule): „dieser alte verbitterte rollstuhlfahrer soll sich verpissen“. Kommentar von Manuel (Metal-Fan, aus Düdingen, steht auf Calimero (ja, die Zeichentrickserie)): „dem sollte man zuerst sein maul stopfen, und das für immer“. Und als wäre das allein nicht schon asozial genug, bekommen beide auch noch Likes für ihre Kommentare. Mein Leben ist scheisse, ach nee, war deins, fällt mir dazu nur ein. 

Chris aus Dresden (angehender Mediziner, in einer Beziehung, steht auf Autos und Ballerspiele) schreibt übrigens: „Ihr Widerlichen Bonzen….ihr macht solange, bis wir alle verrecken. Ihr seid ein armseeliger Haufen von Verbrechern. Nichts ausser Versagen und Verbrechen seid 75 Jahren…und ihr wählt diesen Dreck auch noch.“ Geliked hat das bisher noch keiner. Vielleicht liegt’s an Grammatik und Rechtschreibung. Aber: Etwas Rücksicht sollte man schon nehmen. Schließlich ist er Ossi und hat erst sehr spät Deutsch gelernt.*

 

 

*Sarkasmus ist auch des Teufels

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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