„Lieferheld und die Effekthascherei“ oder „Ach Jens, wärst du doch nur Schuster geblieben“

Die Reaktionen waren ganz schön knackig. Weitaus knackiger als die angebräunten Salate… Lassen wir das! Die unzensierten, unredigierten Reaktionen jedenfalls lesen sich so: „Der Name schon Lieferheld…tz tz ,eher passt Maulhure ,ab jetzt zweimal rumdrehen wer hinter einem steht…“, „Missgeburten Seite“ oder – an dieser Stelle musste ich tatsächlich schmunzeln – „Hoffentlich seit ihr bald insolvent ihr Fickfehler!!!“. Fickfehler find ich gut (wurde notiert). Hier mal ein wenig (fast) konstruktive Kritik. Ein Text über die Medien-Causa Uli Hoeneß, Lieferheld und den Jens aus Berlin.

Was war passiert? Lieferheld.de – in der folgenden Sachlage erwartungsgemäß NATÜRLICH nicht aus München, sondern aus Berlin, wo man dann und wann so krampfhaft versucht hipper und mutiger zu sein als im Süden – hat offenbar händeringend nach Aufmerksamkeit gesucht. Und weil Kreativität eben Sache der Kreativen bleiben sollte und Lieferheld gut darin beraten wäre, den sprichwörtlichen Schuster zu beherzigen, der bei seinen Leisten bleibt, ging das Ganze – zumindest bei der einen Hälfte der Facebook-Gemeinde – ordentlich nach hinten los.

Eine Werbeanzeige: In einem kahlen Raum sitzt ein Mann mit Halbglatze auf einem Stuhl, fotografiert von hinten. Er hält einen weiß-roten Schal nach oben. An den Wänden stehen Sprüche wie „Esst auf, wenn ihr Bayern seid“ oder „Uli was here“. Darunter die – nennen wir sie mal – Message: „Uli, wir liefern auch nach Landsberg“.

Dass das angesichts des Mediensturms rund um die Causa Hoeneß in den vergangenen Monaten weder kreativ, noch überraschend, noch besonders lustig war, dürfte – eigentlich – auch dem schlechtesten Werbetexter bewusst sein. Insofern man Werbung tatsächlich als eine kreative Aufgabe versteht und eben nicht nur als Effekthascherei. (Falls das so ist, gut gemacht!)

Zu sehr wurde das Thema in den vergangenen Monaten durchgekaut. Trauriger Höhepunkt war sicherlich ein Gefängnis-Ausflug in die JVA Landsberg von über 170 Journalisten. Das Ergebnis meist genauso unkreativ: „Von der VIP-Lounge wird Uli Hoeneß in ein acht Quadratmeter-Zimmer ziehen. Nur eine Pritsche. Nur kaltes Wasser“, berichtete ein deutscher Sportsender danach. Das ist genauso kreativ wie die Marketing-Abteilung von Lieferheld, Schlagzeilen mit Dreisatz („Er kam, sah und siegte“), das Umtexten von historischen Sätze wie „Stell dir vor es ist hier Wort einsetzen und keiner hier noch ein Wort einsetzen„, das Umdichten von Sprichwörtern oder die klassischen Bindestrich-Überschriften wie „Brutalo-Rocker“, „Horror-Nachbar“ oder „Skandal-Nudel“.

Leider Gottes: Wir leben in einer Gesellschafft des Mittelmaßes und der „Journalismus“ ist daran genauso schuld wie die lapprigen Hippster von Lieferheld. Dass die einen allerdings Leser generieren müssen, während die Aufgabe bei Lieferheld eigentlich darin bestehen sollte, nicht Entrüstung zu provozieren, sondern Sorge zu tragen, dass ich meine 10 Euro-Pizza an einem verkaterten Sonntag noch halbwegs warm bekomme, ist ein ziemlicher Unterschied. Und egal wie cool, wie hipp, wie Berlin sich die Firma ihre Corporate Identity auch zusammenbasteln will: Am Ende sind es eben nur Pizzaboten, die andere arbeiten und laufen lassen, und daran Geld verdienen – sich er nicht zu wenig. Zwischenfrage: Ist Lieferheld überhaupt ein richtiges Wort?

Dass die Pizzaboten dann auch noch mit einer Top Ten der „kreativsten Beleidigungen“ reagieren, die sie unter ihrem „Gentrifizierung stoppen“-Poster mit Screenshots angefertigt haben, anstatt es einfach gut sein zu lassen, sagt noch einiges ganz deutlich über die Damen und Herren Salami-Schubser aus: Man würde ja gerne wichtig sein, so gerne, aber es reicht einfach nicht. Ihr seid Dienstleister, keine Journalisten, nicht mal ordentliche Werbetexter. Diese Top Ten mit „Ok, jetzt wissen wir, wie wir euch hinterm Pizzaofen hervorlocken“ einzuleiten, ist dann – um im Duktus zu bleiben – noch die Kirsche auf der schimmligen Torte.

Hä? Wieso sollte denn jemand hinter einem Pizzaofen sitzen? Achso, die Sache mit dem Umtexten von Sprichwörtern. Puh, wer nicht kann, der kann nicht. Aber das ist eigentlich gar nicht das Befremdliche – machen andere ja auch. Sondern, dass der gute Jens Weidner, der als „Autor“ unter der Top Ten steht und sein Blümchen-Hemd gerne bis zum Kinn zuknöpft, bestimmt gerade mit einer frischen Club-Mate irgendwo in einer Yuppie-Bude im – ehemals kultigen – Kreuzberg sitzt,  sanft seine Tolle streichelt und das erste Mal seit langem hofft, dass Mami stolz ist – bevor er sich wieder um mein Mittagessen kümmert. Ach Jens, wärst du doch nur Schuster geblieben…

 

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4 Gedanken zu “„Lieferheld und die Effekthascherei“ oder „Ach Jens, wärst du doch nur Schuster geblieben“

  1. Ich kenne Jens und er wohnt jetzt wirklich in Prenzlauer Berg und ich glaube, dass er jetzt schon mehr Mio Mio Mate trinkt.

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