„FOCUS Online vs. BILD Plus“ oder „Da ist einer aber mächtig sauer“

Des Deutschen liebste Zeitung, die BILD, – berühmt für die Causa Wulff und einen Chefredakteur, der früher eher so der Typ Jens Nonnenmacher war und heute mit seiner Bartpracht für Aufsehen sorgt – mag Kampagnen. Die jüngste Kampagne kommt in Person von BILD.de-Chef Julian Reichelt daher. Es ist eine von der heiklen Sorte. Der Vorwurf: Focus Online, nach außen hin von Chefredakteur Daniel Steil vertreten, soll sich regelmäßig an Inhalten von BILD Plus bedienen – und die zum Teil sogar als Seitenaufmacher (Ausrufezeichen) missbrauchen. Auweia. Gab es da nicht das Zitierrecht? Doch, aber wie immer geht es gar nicht um die Kopie, sondern um’s Geld. Um Paid Content und was dieser für Google bedeutet. Ein bisschen Licht ins Dunkel? Gerne.

Es ist eine harte, ja, fast martialische Wortwahl, der sich Julian Reichelt da bedient. Von „Raubzug“ ist die Rede, von „ausgeschlachteten“ Artikeln, ausgeschlachtet von keinen „echten Journalisten“ (die Bezeichnung verbucht Reichelt offenbar allein für sich und seine Kollegen). Alles nur geklaut? Von der brutalen Daten-Krake FOCUS Online? Von Daniel Steil als – sozusagen – Ober-Krake, ohne Rücksicht auf die Gefühle der BILD.de-Redakteure, die nun regelmäßig damit beschäftigt sind, ihre eigene Journalisten-Identität immer neu zu hinterfragen, weil das alles so verdammt traurig ist? Und total gemein! Total total gemein!!!

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Reichelt inszeniert sich in dieser Diskussion als Opfer – was in Anbetracht der Tatsache, dass wir hier ausgerechnet von der BILD reden, durchaus befremdlich anmutet. Man denke an Schlagzeilen wie „Sind Sie wirklich so ein Wahl-Depp, Herr di Lorenzo?“, „Der Nackte und der Beknackte“ oder die gesamte Causa Wulff und den – ganz – tiefen Fall eines Bundespräsidenten. Ich könnte alleine 234 Blog-Einträge über solche Artikel schreiben. Mindestens.

Bevor jetzt ein Sturm der Entrüstung nach dem Motto „Brauchsu ja ned lese“ beginnt: Ich mag die BILD. Wirklich. Man kann sich sicher über die Wortwahl streiten, über Inhalte, die haarscharf an der Grenze der Beleidigung balancieren, aber ich mag sie wirklich. Auch Kai Diekmann, den ich selbstverständlich bei Facebook abonniert habe und bei Twitter folge, schafft es immer wieder, mich zum Lachen zu bringen. Die Zeitung ist ebenso informativ wie unterhaltsam, ihr Chef auch. Ich kann mich erinnern, dass ein Politik-Ressortleiter mir einmal gesagt hat: „Wenn du wirklich wissen willst, was die Menschen bewegt, wenn du wirklich Politikjournalist (Ich bin dran!) werden willst, dann kommst du um die BILD nicht herum.“ Und er hat recht. Keine Frage. Zurück zum Thema.

Dass es vielleicht nicht ganz die feine Art ist, sich an den Inhalten der Konkurrenz zu bedienen, kann man ruhig diskutieren. Obgleich, das muss an dieser Stelle gesagt sein, FOCUS Online auch immer – wie es sich gehört – die Quelle nennt. „Nach einem Bericht der BILD…“ steht dann da zum Beispiel. Im Journalismus nennt sich das Zitierrecht, was so viel bedeutet wie: Du kannst von der Konkurrenz abschreiben, so lange du die Konkurrenz im Artikel auch nennst. Und – liebe Leser – das ist absolut gängige Praxis. Um nicht zu sagen: Es ist das Normalste der Welt. Vor allem bei Online-Medien, wo es am Ende eben nicht nur darum geht, wer die News zuerst hat, sondern auch darum, wer sie als Zweiter, Dritter oder Vierter raushaut.

FOCUS Online-Chef Daniel Steil

FOCUS Online-Chef Daniel Steil

Es gibt da dieses berühmte Zitat, das in der Medienbranche wohl so ziemlich jeder kennt: „Be first, but first be right“. Doch der Kampf um Geschwindigkeit, um Google-Rankings ist so groß, dass ich mal mit einem Online-Journalisten eine kleine, aber hitzige Diskussion hatte, weil der meinte: „Zuerst muss die Nachricht raus, dann kann man sie noch einmal überprüfen.“ In meinen Augen unverständlich, aber – auch hier wieder – gängige Praxis in einer Welt, in der es eben nicht auf die nächste Woche (wie beim Magazin) ankommt, sondern auf die nächsten 30 bis 60 Sekunden. Verständlich, dass die Praxis da anders läuft. Daher auch die Eilmeldungen, daher die SEO-Teams in den Redaktionen, deren einzige Aufgabe darin besteht, die Inhalte der Text-Redaktion für Google möglichst attraktiv zu machen.

Und da sind wir beim Problem von BILD.de-Chef Reichelt angekommen. Denn in Wirklichkeit geht es überhaupt gar nicht darum, dass FOCUS Online regelmäßig BILD Plus-Inhalte übernimmt. Das macht BILD mit den Inhalten der Konkurrenz genauso. Es geht um’s Geld. Und darum, dass Google erkennt, dass man bei BILD Plus zahlen muss und bei FOCUS Online eben nicht, weshalb FOCUS Online-Inhalte entsprechend attraktiver für die Suchmaschine sind, obwohl der Artikel zuerst bei BILD Plus online gegangen ist. Woran das genau liegt? Ich bin kein Techniker. Aber so ist das nun mal.

Und weil das so ist, ist Reichelt mächtig sauer und fährt die kleine Diffarmierungs-Kampagne auf Twitter. Und der gute Mann hat immerhin fast 3000 Follower. An dieser Stelle: Was soll eigentlich dieser martialische Ton im „Ich armes Opfer“-Duktus. Gerade wenn man von der BILD ist, die nicht nur einmal ganze Karrieren, um nicht zu sagen, ganze Leben, den Bach runterschickte?!

Reichelts Hauptaufgabe besteht vor allem darin – und da deckt es sich mit FOCUS Online-Chef Daniel Steil – Klicks zu generieren. Klicks, Klicks und noch mal Klicks. Mehr Klicks, mehr Werbekunden, mehr Klicks, höhere Werbe-Einnahmen. Und wer über Google auf die ursprüngliche BILD Plus-News kommt, der klickt eben auf FOCUS Online.

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Dass das – natürlich – sehr unangenehm für Reichelt und seine Redakteure ist: keine Frage. Aber Tatsache ist auch: BILD Plus scheint ganz offenbar eben nicht so gut zu funktionieren, wie man sich das bei Springer erhofft, erträumt und herbei geredet hatte. Da reicht es schon, sich die Kommentare auf Facebook nach dem Motto „Für den Scheiss zahl ich nicht“ oder „Habt ihr immer noch nicht genug Kohle“ anzusehen. Die User sind, gelinde gesagt, nicht besonders amused, wenn BILD einen Wahnsinns-Teaser raushaut, der neugierig macht – und man dann aber nicht weiterlesen kann, ohne zu bezahlen.

Der Witz an der Sache: Wenn BILD ein Printmedium, zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung, die FAZ, Stern, Spiegel oder eben FOCUS zitiert und damit – in der Folge – Inhalte übernimmt, dann gewinnen auch die Print-Autoren keinen Blumenstrauß. Doch fahren deshalb ein Prantl, Quoos und Co. irgenwelche Anti-BILD-Kampagnen mit martialischem Ton auf Twitter: Nein.

Im Gegenteil. Auch hier gilt: Es ist gängige Praxis. Manch einer möchte sagen: leider. Aber am Ende steht fest: All die klugen, manchmal durchaus überbezahlten Online-Köpfe haben bis heute – Paid Content hier, Spenden-Prinzip und Bonus dort – noch keine ordentlichen Lösungen für ihre eigenen Versäumnisse gefunden. Über Jahre hat man die News gratis rausgehauen und – logischerweise – hat sich der normale Leser längst daran gewöhnt. Und wer sich einmal an etwas gewöhnt hat, der lässt sich nicht gerne umerziehen.

Und anstatt sich die Versäumnisse einzugestehen, haut man sich lieber auf Twitter die Köpfe ein. Und anstatt darüber nachzudenken, wie man Online-Redakteure (im Vergleich zu Print oder TV) endlich ordentlich bezahlen könnte, geht es vor allem um’s Prestige der Marke. Und anstatt gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten, wird nur gejammert, kopiert – oder beschimpft. Und DAS ist das eigentlich Traurige an dieser Geschichte.

Bildquelle: Screenshots Twitter (2) / TOMORROW FOCUS AG (1)

In eigener Sache: Wer sich nach der Lektüre dieses Artikels vor allem auf meinen Arbeitgeber und nicht auf die darin vorkommenden Argumente konzentriert, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Mein Gehaltszettel bestimmt nicht meine Sicht auf die Welt. Und es ist schon schlimm genug, dass ich das Bedürfnis habe, dies noch ein mal extra erklären zu müssen. Lg, Ben

 

 

 

 

 

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