„Going through changes“ oder „Meine Mama ist jetzt auch bei Facebook“

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Meine Mama ist jetzt auch bei Facebook – und ich bin schuld. Wahrscheinlich hätte ich sie davon abhalten müssen, anstatt sie in dieser Sache auch noch zu motivieren. Besser gesagt, ihr sogar die Initialzündung für den Beitritt zu geben und damit zu einer vielleicht folgenschweren Entscheidung. Warum? Sagen wir mal so: Dass ich rauche attestiert mir ja schon eine gewisse Abhängigkeit. Und dass ich an einem sonnigen Morgen das Bedürfnis verspüre, nicht im Büro, sondern im Biergarten zu sitzen… naja… das ist wohl noch nachvollziehbar, trotzdem ungesund. Meine Liebe zum Bier und meine Freude am Qualm stellt jedoch ein Problem voll und ganz in den Schatten: meine Abhängigkeit von Facebook.

Meine Mama ist gerade einmal 53 Jahre alt. Also noch verhältnismäßig jung. Trotzdem kommt sie aus einer ganz besonderen Zeit. Eine Zeit, in der Liebesbekundungen einen noch per Brief erreichten, nicht per Posts auf Walls. Eine Zeit, in der man mit Herzbube oder -dame einfach telefonierte, anstatt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, dass er oder sie heute keinen Kuss-Smiley, sondern nur einen Zwinker-Smiley – oder noch schlimmer – einen normalen Smiley schickt. Schreck lass nach!

Ja, eine Zeit, in der man dem Liebeskummer noch alleine und zurückgezogen mit der „Changes“-Platte von Black Sabbath begegnete, wie von Mama überliefert. Also mit „Now all my days are filled with tears, wish I could go back and change these years“. Nicht mit „XY hat seinen Beziehungsstatus in ,Single‘ geändert“. Dass darunter dann zehn Mal „:(„, drei Mal „WTF“ und einmal „OMG Was ist da los?“ steht… Naja, lassen wir das Semantik-Fass heute geschlossen.

Ein Bekannter hat mir vor einiger Zeit einmal erzählt, dass seine Freundin darauf besteht, dass er ihre Posts mit einem „gefällt mir“ markiert. Die Begründung: „Sie will eben, dass ich sie in allen Lebenslagen unterstütze“. Und ich wusste nicht, ob ich lachen, weinen oder ihm eine knallen soll, damit er wieder zur Vernunft kommt.

Doch so absurd dieses Beispiel auch klingen mag, so vielsagend ist es für unser Verständnis was die sogenannten sozialen Netzwerke und unser Handeln darin angeht. Vor allem was Facebook betrifft. Fundamental-Kritik und Gesellschafts-Analyse spare ich mir an dieser Stelle. Darum kümmern sich kluge Medien wie die ZEIT auf 334 Seiten Fließtext. Ich bin nur Blogger. 😦

Aber zumindest was mich betrifft kann ich sagen: Ja, Facebook nervt mich unglaublich. Kann ich darauf verzichten? Absolut nicht. Werde ich auch diesen Artikel auf Facebook verlinken. Klar, was bleibt mir auch anderes übrig, – bin ich doch mittendrin in der Abhängigkeit und komme wohl so bald nicht wieder heraus.

Während man bei Betäubungsmitteln zwischen psychischer und physischer Abhängigkeit differenzieren kann, also die Abhängigkeit sich zumeist auf ein Merkmal reduzieren lässt, ist es mit meiner Festkettung an Facebook gleich doppelt schlimm: Ich bin beruflich und sozial abhängig. Von einem Programm. Ein Programm, das mit meinen Algorhytmen Geld verdient.

Das mit der beruflichen Abhängigkeit lasse ich mir ja noch eingehen. Ich bin nunmal Blogger und Journalist. Auf Facebook filtere ich meine Nachrichten, bleibe mit Kollegen auch über Verlagsgrenzen hinaus in Kontakt, teile meine Artikel und Meinung zur Festigung meiner Ich-Marke und finde oft bequemer den richtigen Ansprechpartner als bei google. Soweit, so nachvollziehbar.

Doch man stelle sich vor, ich melde mich ab. Das würde mich tatsächlich ins soziale Abseits stürzen. Ich würde keine Party-Einladungen mehr bekommen, meine Freunde würden kaum noch mit mir kommunizieren, meine Freundin würde ich nicht mal eben erreichen und überhaupt würde ich nicht mehr mitbekommen, was in der Welt passiert. Wer was macht, wer wo ist, mit wem und warum. Kurzum: Mein soziales Leben wäre vorüber.

Dieses Grab haben wir uns alle selbst geschaufelt und jetzt laufen wir am Rand entlang und wissen, wenn wir uns abkoppeln vom Sicherungsseil, dann stürzen wir hinein und kommen erst wieder heraus, wenn Zuckerberg und Co. den Rettungsring werfen. Und das ist noch viel absurder, als das Beispiel von meinem Bekannten und seiner Freundin.

Und genau deshalb: Tut mir leid, Mama. Warum habe ich dir nur gesagt, du sollst dich bei Facebook anmelden. Jetzt habe ich Angst um dich. Weiß ich doch wohin das führen kann. War es denn wirklich der richtige Grund? Dieses „Wer ist denn noch bei Lokalisten?“ Getreu dem Motto: Gras ist Sechziger, Crystal Meth ist 2014. War es früher doch so schön. Ach Mamutschka: „Now all my days are filled with tears, wish I could go back and change these years“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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