„Sommerregen“ oder „Ich grüble, deshalb bin ich“

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Viele Stunden saß ich in den vergangenen zwei Wochen Urlaub auf dem Balkon meines besten Freundes, ließ mir bei dem ein oder anderen kühlen Weißbier die Sonne ins Gesicht scheinen oder freute mich wie ein Kleinkind über einen kühlen Sommerregen. Dieser Geruch, wenn die Tropfen auf den erhitzten Großstadt-Asphalt prasseln, was soll ich sagen, ich liebe es. Und immer wieder diskutierten wir eifrig: Müssen wir etwas an unserem Leben ändern? 

Ich war sicherlich nie der Typ Muster-Student, dessen Lebensinhalt über Jahre darin besteht, sich in seine stinklangweiligen Bücher zu vergraben. So lange, bis die Inhalte wie ein Mantra oder das „Vater Unser“ heruntergebetet werden können. Im Gegenteil. Doch das meine ich überhaupt nicht abwertend. Schließlich muss jeder sein eigenes Lebensmodell entwickeln.

Schwierig wird es eigentlich nur dann, wenn das persönliche Ziel kaum über „Geld scheffeln bis man stirbt“ hinausgeht, und man die persönliche Monotonie damit betäubt, das man alle paar Wochen mit der Familie an den Tegernsee fährt, wöchentlich nach Auszeit beim Running-Sushi sucht oder sich in seiner  beruflichen und monetären Überlegenheit bestätigt, indem man der Kassiererin bei Edeka nicht mal ein freundliches „Hallo“ und vielleicht ein Lächeln gönnt. Oder man dem betrunkenen Handwerker am Hans-Mielich-Platz nicht einfach antwortet, wenn er fragt, wie doch noch gleich das Pferd von Lucky Luke hieß. Jolly Jumper. Prost.

Ich bin in den vergangenen Jahren mit den verschiedensten kurz- oder langfristigen Lebensmodellen konfrontiert worden. Der junge Banker etwa, der sich mit Mitte 20 seine erste Eigentumswohnung kauft. Der Langzeitstudent, der ein ganzes Jahrzehnt oder länger an der Uni verbringt. Die Rastlose, die nicht länger als eine kurze Zeit an einem Ort bleiben will und deshalb, noch keine 30 Jahre alt, bereits in drei oder vier Ländern studiert und gearbeitet hat. Der junge Dorf-Handwerker, der nicht nur eine Frau, sondern gleich eine kleine Familie heiratet.

Der Kollege, geboren in München, der seit Jahrzehnten im Lokalteil einer Münchner Zeitung arbeitet. Das junge Künstler-Paar, das ihre ewige Liebe und Seelenverwandtschaft beschwört und gleichzeitig freie Liebe trotz Beziehung predigt. Der Karrieremensch, der lieber Versicherungen verkauft, bevor er sich nicht an seinem eigenen Kontostand berauschen kann. Und der klassische Aussteiger, der alles im Leben abgebrochen hat, nur seine innige Beziehung zum Traum von der großen Karriere als Musiker nicht.

Mein eigenes Lebensmodell wurde mir schon so oft zerschlagen, dass ich manchmal aufwache und mir ganz ernsthaft die Frage stelle: Was zum Teufel machst du hier eigentlich? Und wir alle haben eines gemeinsam: Wir zweifeln immer wieder zwanghaft an uns selbst und unseren Entscheidungen, während wir nächtelang überlegen, ob es nicht an der Zeit ist, etwas zu ändern, nur um danach festzustellen, dass man leider kein Stück glücklicher ist… und etwas ändern muss.

Ich habe mich kürzlich mit einer guten Freundin und eben Kollegin unterhalten. Die stellte ganz nüchtern fest: „Irgendwie stecken wir gerade alle in einer Krise.“ Beruflich, meinte sie eigentlich, doch machen wir uns nichts vor: Wenn wir uns Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr, einreden, dass wir uns auf einer Identitäts-Baustelle befinden, dann hören wir das Kreischen der Fräß-Maschine auch nach der Arbeit und am Wochenende noch.

Doch was wollen wir eigentlich? Geld? Karriere? Prestige? Nur die Liebe?  Oder vielleicht brauchen wir das Drama auch einfach, das Grübeln tag ein, tag aus, die Rastlosigkeit und die Kopfschmerzen nach der Flasche Jack Daniels, mit der wir gestern noch die negativen Gedanken wegspülten. Heute sind sie wieder da. Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, immer etwas ändern zu müssen und sich den Kopf zu zerbrechen, bis sich die verweinten Augen für ein paar Stunden schließen und das Chaos kurz verstummt. Ich denke, deshalb bin ich.

Oder wir halten einfach mal inne, freuen uns, um der Freude willen und genießen den Sommerregen.

Alles wird gut.

 

 

 

 

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