„Fünf Jahre später“ oder „Wie der Gaza-Konflikt in den Redaktionen versandet“

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„Free Palestine means Killing Jews“ stand auf dem Plakat. Ein sonniger Donnerstagabend, München, Sendlinger Tor. Ich war gerade auf dem Weg zu einer Grillparty, als mir gut 200 Demonstranten, vielleicht mehr, entegenkamen. Begleitet von Zivil-Polizei und Sondereinheiten, um die Pro-Israel-Demonstration abzuschirmen. Ein paar Meter weiter ein kleiner Stand mit riesiger Israel-Flagge, an dem ein junger Kerl in kurzen Hosen und mit „Ordner“-Binde kleine Israel-Fähnchen verschenkte. Wenn es etwas gratis gibt, dann ist der Deutsche gern dabei. Ein älterer Herr nahm gleich zwei, steckte sie in den Fahrradkorb und radelte davon. Die Fähnchen flatterten im Wind. Überkreuz. Ein paar Meter weiter drei junge Herren mit Vollbart und Palästinenser-Schals. Bestimmt Islamisten, mag sich der Radler gedacht haben. Fünf Jahre nach der Operation „Gegossenes Blei“.

Ich kann mich noch gut an 2009 erinnern, als Israel die Operation „Gegossenes Blei“ ausrief und man auf n24 die Explosionen in der Nacht beobachten konnte. Wie ein großes Feuerwerk, das da am Horizont tanzte. Ein solches Farbenspiel kenne ich bis heute nur aus Offenburg, als ich an Silvester auf dem Balkon stand und einen Blick bis nach Straßburg und über das halbe Ortenau-Weingebiet hatte. Pure Romantik hier, dort der Tod.

Dort stand damals ein Reporter des Nachrichtensenders, weit entfernt vom Geschehen und moderierte mit wahrer Inbrunst, wie es knallte und schoss und traf und sprengte. Davor und danach wurde diskutiert und gestritten, auch im Internet. Auf Facebook stapelten sich die Meinungen. Zumindest was meinen Account betraf. Und Anne Will, Maybrit Illner, Frank Plasberg luden fleißig ein.

Michel Friedman und Norbert Blüm stritten sich bis es beleidigend wurde. Blüm erzählte von demütigenden Grenzkontrollen und davon, wie Müll und Fäkalien über Zäune auf die benachbarten Palästinenser gekippt werden, während draußen, in den Siedlungsgebieten, bei Nacht die Bulldozer anrollen. Friedman plädierte für die Angriffe, zum Schutz der Israelis, als Bollwerk gegen antisemitische Extremisten und echauffierte sich fürchterlich, als Blüm ein „Ihr“ in seine Richtung herausrutschte. Geladene Stimmungen, die sich nicht selten durch versteckte Antisemitismus-Vorwürfe entluden, nicht selten in der Verallgemeinerung, Israel betreibe einen Genozid an den Palästinensern. Ein flammender Diskurs.

Und heute? Fünf Jahre danach. Diskutiert und geschrieben wird nur wenig. All die Toten, die Angst, der Krieg versandet weitestgehend in den Redaktionen. Ein Krieg gegen ein Fleckchen Erde, halb so groß wie Hamburg, auf dem 2,5 Millionen Menschen leben. Es gibt Wichtigeres: Wulff beklagt den Umgang der Medien mit seiner Person, Hartmann gönnt sich bisschen Crystal Meth, Genitalien-Gate von Airbnb, das MH17-Drama, Putin, eine Eilmeldung, Karl Albrecht ist tot. Wenigstens scheint der Hype um Heftig.co sich wieder etwas gelegt zu haben. Trotzdem bleibt diese eine quälende Frage: „Tritt Jogi Löw zurück oder nicht?“

In der Suchfunktion eines großen deutschen Online-Magazins gebe ich „Israel“ ein. Eine Meldung, bereitgestellt von einer Nachrichtenagentur, nicht von der Redaktion eingespeist, sondern bei Nacht automatisch online gegangen: „Der Gaza-Krieg hat in zwei Wochen schon mehr als 500 Tote gefordert und droht immer blutiger zu werden. Zusehends entwickelt sich die israelische Bodenoffensive gegen militante Palästinenser im Gazastreifen zu einem verlustreichen Häuserkampf“, schreibt die Agentur. Auf der Startseite wird im Aufmacher um Karl Albrecht getrauert.

Wäre ich am Donnerstag nicht auf die Grillparty gegangen, ich hätte fast vergessen, dass Israel erneut knallt und schießt und trifft – und tötet.

 

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Ein Gedanke zu “„Fünf Jahre später“ oder „Wie der Gaza-Konflikt in den Redaktionen versandet“

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