„Verzerrte Realität“ oder „Was für ein Blödsinn, Herr Diekmann“

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Ist er wieder zurück, der Antisemitismus? Stellt er eine Gefahr für unsere Gesellschaft da? Sitzt der nächste Hitler – dieses Mal mit arabischen Wurzeln – bereits in den Startlöchern und müssen wir uns deshalb vorab schützen und uns öffentlich gegen den Judenhass aussprechen? Weil der kleine Imam in Moschee XY gegen Juden predigt oder der ein oder andere Vollpfosten „Juden ins Gas“ bei Demos skandiert? Wenn es nach der BILD-Zeitung geht, seit jeher bekannt für schmutzige, diffamierende oder auch nur Kampagnen um der Kampagnen willen, dann ja. Unbedingt. Der neueste Clou des Massenblattes: „Stimme erheben – nie wieder Judenhass“, sogar mit eigenem Logo, dass alle Deutschen, die keine Antisemiten sind, nutzen sollen, um zu bekunden, dass sie keine Antisemiten sind. Was für ein Schwachsinn, was für eine Farce – und in Gaza sterben weiter Menschen, Soldaten, Zivilisten, Kinder. Für eine Kampagne scheint das aber nicht zu reichen. 

Die Washington Post hat heute einen offenen Brief von vorwiegend weiblichen israelischen Reservisten publiziert, in dem sie die Militarisierung der israelischen Gesellschaft anprangern. Ein Auszug: „The Israeli Army, a fundamental part of Israelis’ lives, is also the power that rules over the Palestinians living in the territories occupied in 1967. As long as it exists in its current structure, its language and mindset control us: We divide the world into good and evil according to the military’s categories“.

Ich habe den Brief bis zum Ende gelesen. Bei Lektüre im Internet alles andere als eine Selbstverständlichkeit wie Onlinejournalisten wissen. Weil er nüchtern ist und seinen Details doch unglaublich emotional. Weil er seltene, reflektierte Einblicke liefert, Gedankengänge, die dem ein oder anderen Kommentator bei Facebook gut tun würden, aber auch dem ein oder anderen Redakteur an seinem Schreibtisch, der seine Sichtweise auf die Dinge als objektiv proklamiert, es aber de facto nicht ist.

Vor ein paar Tagen habe ich an dieser Stelle bereits darüber geschrieben, dass mir die Berichterstattung über die Gaza-Offensive in den Redaktionen zu sehr versandet. Die Gründe hierfür sind zahlreich, um nur einmal die MH17-Katastrophe zu nennen. Natürlich, die Massenmedien haben die Aufgabe, alle wichtigen Ereignisse der Welt aufzunehmen und an ihre Leser weiterzugeben. Es gibt zahlreiche Ressorts außerhalb „Politik Ausland“ – ein Ressort, das erfahrungsgemäß mit vergleichsweise wenig Manpower ausgestattet ist –, die ihre Themen unterbringen wollen und müssen, die den vom Leser geforderten Mix aus Nachricht und Unterhaltung gerecht werden wollen. Die Online vor allem eine Aufgabe haben: Klicks zu generieren. Und Klicks kommen selten mit Schreckensmeldungen aus Gebieten, zu denen wir als Deutsche kaum einen Bezug haben, in dem Fall dem Mittleren und Nahen Osten.

Was sich da gleich viel viel besser klickt: „Der neue Judenhass in Deutschland“. Oh, Judenhass und Deutschland in einem Satz, besser kann man es kaum machen. Klickt wie Hölle. Bevor jetzt ein falscher Eindruck entsteht: Ich will mich in diesem Beitrag nicht über das Thema Antisemitismus lustig machen. Im Gegenteil. Es ist ein ernstes Thema. Natürlich müssen gerade wir Deutschen mit unserer Vergangenheit besonders kompromisslos dagegen vorgehen. Aber das gilt für jegliche Form von Diskriminierung gegen jegliche Ethnie und Religionsgemeinschaft.

Was mich allerdings entsetzt, ja, sogar traurig macht, ist die aktuelle Kampagne der BILD-Zeitung. „STIMME ERHEBEN – NIE WIEDER JUDENHASS“, samt eigenem Logo, damit man auf Facebook ganz offiziell bekunden kann, dass man kein Antisemit ist und man antisemitische Äußerungen von wem auch immer falsch findet.

Was für eine Farce, was für ein Blödsinn, lieber Herr Diekmann und lieber Herr Reichelt. Und während die Berichterstattung zur Gaza-Offensive, zum Tod von hunderten Zivilisten, Frauen und Kindern ausgerechnet bei DEM Massenblatt schlechthin in den Hintergrund tritt, bauschen wir ein Problem auf, dass bei Anti-Gazaoffensive-Demonstrationen – von Medien gerne Anti-Israel-Demos (da steckt der Meinungsteufel schon im Detail) genannt – als Problem ausgemacht wird, aber in Wahrheit einfach keines ist.

Warum? Weil die Menschen wütend sind, und wer wütend ist, vergreift sich im Ton, provoziert vielleicht oder überdenkt das Gesagte oder Geschriebene nicht voll und ganz, weil es zunächst einmal darum geht, der eigenen Wut Luft zu verschaffen. Wenn ein jüdisches Pärchen sich in eine solche Demonstration verläuft und Angst um seine Gesundheit haben muss, dann ist das – natürlich – ein verdammtes Problem, dem die Polizei mit aller Härte entgegentreten muss.

Dass solche Eskalationen allerdings als Rückkehr des Antisemitismus ausgemacht werden ist auch völliger Blödsinn. Oder wir messen nicht mit zweierlei Maß und machen die Vorgänge in Gaza und die fortschreitende, gewaltsame Besiedlungspolitik als reinen ANTIARABISMUS aus. Denn wenn nachts die Bulldozer anrollen, um Palästinensern ihre Häuser zu nehmen und Platz für israelische Siedler schaffen, dann muss man dagegen vorgehen. Dass es völkerrechtlich illegitim ist, hat man längst ausgemacht. Dass das Benjamin Netanjahu und Co scheissegal ist, leider auch.

Nun muss man eines wissen: In den Redaktionsstatuten der BILD ist festgeschrieben, dass das Blatt sich im Zweifelsfall für Israel und das Existenzrecht des Landes – dass seine geographische Bestimmung übrigens biblisch begründet – aussprechen soll und wird. Über das ExistenzRECHT eines Landes darf man nicht diskutieren, das wäre undemokratisch, aber sicherlich über die Legitimation hinter Bomben und Raketen und der Unterdrückung eines ganzen Volkes, das seit 1967 (!) unter Besatzern leidet, die sie de facto – zumindest politisch – als Menschen zweiter Klasse geiseln. Und in einem – sprechen wir es ruhig aus – Ghetto zuhause sind, während sie sich alle paar Jahre (zuletzt 2009) einem David-gegen-Goliath-Kampf gegenübersehen und miterleben müssen, wie eine Streitmacht auf Zivilisten, Kinder und Frauen feuert.

Wenn sich die BILD schon als Demokraten und Kämpfer gegen Rassismus positionieren wollen, warum heißt die Kampagne dann nicht eigentlich „STIMME ERHEBEN – GEGEN TOTE KINDER UND ZIVILISTEN“ oder noch besser „STIMME ERHEBEN – GEGEN JUDENHASS UND ARABERHASS „. Oder ist das für eine Kampagne zu lang?

 

 

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