„Zehn Tage Berlin“ oder „Im Slalom um die Alkohol-Leichen“

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Morgens, 9 Uhr, Friedrichshain. Während mir Paul Kalkbrenners „Böxig leise“ den Takt meiner Schritte vorgibt, ist es an der beschmierten Mauer auf der anderen Straßenseite noch ruhig. Vodka und Urin liegen in der Luft. Eau de Kiez. Hier vor dem RAW-Gelände – und gegenüber meiner Butze – postieren sich später noch fünf bis acht Schwarze und verchecken ihr Gras. Wie jeden Abend. Die meisten – möglichst – unauffällig, nur einer lässt eines seiner Tütchen gerne so cool er kann durch die Finger gleiten. „Hey man, Weed?!“, habe ich bestimmt 15 Mal in den vergangenen Tagen gehört. Ich habe mich dran gewöhnt. Seit zehn Tagen bin ich nun in Berlin, noch 70 Tage verbleiben. Ein paar erste Eindrücke.

Um die Ecke gebogen, Richtung U-Bahn Warschauer Straße, schlafen die meisten Damen und Herren im Punk-Camp noch. Einem muss ich ausweichen. Er liegt neben einer leeren Pulle Korn mitten auf dem Gehweg. Stört aber keinen. Nur ein paar englische Touris gucken ziemlich doof. Was macht der Familienvater um die Uhrzeit auch in kurzen Shorts samt Anhang mitten in Friedrichshain? Sightseeing mit der Family?!

Ein wenig abgefahren ist es schon. Drei Metropolen – rechnet man Köln tatsächlich dazu, dann sind es vier, aber wer will das schon – gibt es in Deutschland: München, Hamburg und eben Berlin. Jede mit ihren Eigenarten. Über Hamburg kann ich nicht viel sagen. Einmal war ich dort. War betrunken. War okay.

Aber vergleicht man München und Berlin, dann trennt die beiden Städte weit mehr als nur ein paar hundert Kilometer Autobahn. Das merke ich jeden morgen, wenn ich im Urin- und Alkohol-Dunst Slalom um besoffene Punks – manchmal auch Touris – laufe. Das merke ich jeden Abend, wenn ich von der Arbeit am Potsdamer Platz in meine Bleibe auf den Kiez zurückkehre und mir meine Schneise durch Horden von biertrinkenden Besuchern schlagen muss, während direkt an der U-Bahnstation mal wieder ein Singer-Songwriter ein Ständchen zum Besten gibt oder der junge Kerl mit der roten Basecap ins Mikrofon beatboxt.

In München hätten sie das improvisierte Open-Air-Konzert schon längst mit dem Schlagstock aufgelöst, habe ich mir neulich mal gedacht. Keine Ahnung, ob das wirklich so drastisch ablaufen würde. Wahrscheinlich nicht. Aber zumindest, dass kiffende Hipster und vollgedröhnte Engländer zur urbanen Landschaft gehören wie Bäume und Asphalt, das wäre mir in München neu.

Auf dem Heimweg. Die Punks sind wieder wach, wieder besoffen und wieder fleißig – aber nie unfreundlich – am schnorren. Vielleicht werde ich den Jungs demnächst mal einen Kasten Bier hinstellen. Als Einstand sozusagen. Was tut man nicht alles, um sich bloß zu integrieren. Bloß nicht auffallen, bloß nicht als Touri gelten. Das wäre das Schlimmste.

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Es ist seltsam. Themen wie Gentrifizierung oder Bevölkerungswandel habe ich immer als eine normale Entwicklung begriffen. Seit ich in Berlin bin, stimmt es mich fast traurig. Nicht auszudenken, wenn jemand die vermüllte Grünwiese an meiner Straße planieren würde, um dort nette Eigentumswohnungen hinzubauen. Nicht auszudenken, wenn das abgefuckte RAW-Gelände mit den paar Bars irgendeiner Grundschule samt Kindergarten weichen müsste. (Wo sollen bloß die Dealer hin?!) Nicht auszudenken, wenn die heruntergekommen Gestalten am Straßenrand verschwinden und durch krawattentragende Yuppies ersetzt würden. Verdammte Schwaben! Eine Freundin meinte kürzlich lachend zu mir: „Wahrscheinlich wirst du noch links in dieser Stadt“.

Noch kostet der Cocktail in der Simon-Dach-Straße – nur zwei Minuten Fußweg, gefühlte 1000 Bars – nur 3,80 Euro in der Happy Hour. Und die geht den ganzen Tag. Verstanden habe ich das Prinzip entsprechend (noch) nicht. Aber hey, Happy Hour! Den ganzen Tag! DEN GANZEN TAG! Ich kenne in meinem Freundeskreis mindestens drei Leute, für die das allein schon Grund genug wäre, in Berlin zu wohnen.

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Und jetzt habe ich online auch noch ein paar FC Bayern-Kneipen ausgemacht. Obendrein gibt es in jedem gut sortierten Späti Tegernseer. Das macht die Integration noch ein bisschen leichter. Vielleicht wäre das eine Option für die Einwanderungsbehörde. Raki als Willkommensgeschenk, präventiv sozusagen.

Ich kann nicht erklären, was Berlin gerade mit mir macht. Ich merke allerdings, dass es irgendwas mit mir macht. Dann zum Beispiel, wenn ich an der Spree sitze, hier und da ein paar Boote an mir vorbeifahren und die Abendsonne nahezu kerzengerade hinterm Fluß versinkt – während vom Ufer gegenüber feinste Techno-Musik dröhnt. Abends, 18 Uhr.

Doch eines ist mir ganz besonders wichtig: Allein der Versuch, München und Berlin zu vergleichen, ist völlig idiotisch. Es gibt nicht die bessere, schönere Stadt. Es gibt vielleicht die saubere und die weniger saubere. Dafür gibt es aber auch die teurere und die günstigere. Aber was ist das schon für ein Maßstab. Ich bin ja weder Allergiker, noch reich. Kurzum: Berlin und München: Ihr seid beide geil.

Und ein bisschen vermisse ich das Weißbier mit Jungs natürlich schon.

 

 

 

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