„Humoristischer Ruin“ oder „Wie gut, dass es Arschlöcher gibt“

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Wie jeder Mensch habe auch ich meine festen Rituale am Morgen. Die erste Zigarette, während sich meine Tasse vollelektrisch mit schwarzem Gold füllt. Die zehnminütige Dusche, die mich aus meinem Kater holt und in den Jungbrunnen taucht. Und, natürlich, der obligatorische Blick auf meinen Facebook-Feed. Letzteres weniger, um mich zu informieren, ob Susi gestern Steak oder Sushi hatte, ob Tom und Lisa neue Fotos ihrer Töhle posten, oder ob mich Sarah zum 27. Mal zur Veranstaltung XY einlädt, die ich noch nie besucht habe und auch künftig nicht besuchen werde. Vielleicht auch deshalb, weil „die geilste Party im Monat“ in einer Stadt veranstaltet wird, die noch nicht mal in meinem Bundesland liegt. Ich schweife ab. Pi Mal Daumen ungefähr 15 bis 20 „journalistische“ Angebote versorgen mich rund um die Uhr mit Nachrichten und Unterhaltung, von taz bis NZZ, von ganz links bis konservativ. Das Problem: Wo Artikel publiziert werden, gibt es auch eine Kommentarfunktion. Hier geht das Dilemma los: Schon aus beruflichen Gründen will ich wissen, was Tine aus Bamberg und Karl aus Potsdam so denken. Was ankommt beim Leser, was nicht. Ja, vielleicht so etwas wie die Nuance eines gesellschaftlichen Querschnitts ausmachen. Die Basis meiner potentiellen Rezipienten also. Und schon ist der Tag versaut.

Ich bin heute morgen auf einen Artikel auf der Online-Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, kurz FAZ, gestoßen. Das Thema: Wohnungs-Sharing, genauer „Airbnb“. Weichgespült wie die Online-Nachrichtenwelt so ist, dachte ich zunächst, es ginge mal wieder darum, wie schön es doch war als die indische Studentin zum Abschied Curry kochte oder wie es den Autor nachhaltig prägte, seine Butze an eine Familie zu vermieten, die ein Kind mit Down-Syndrom im Schlepptau hatte. Das klassische „Hach, war das schön und so bereichernd“-Gelaber. Doch Überschrift und Teaser ließen mich neugierig werden: „Meine Wohnung wird immer sauberer – Schluss mit der Verteufelung des Share-Gedankens: Wie ich meine Wohnung bei „Airbnb“ anbiete und dabei nicht nur reich werde, sondern auch ein aufregendes Leben führe.“ Vier Zeilen, zwei Tabubrüche. Erstens freut sich jemand öffentlich über seinen Profit und ist – zweitens – auch noch verdammt stolz darauf. Der Fließtext enttäuschte mich keineswegs.

Zwei Auszüge: „Nur Westeuropäer? Nur junge Frauen? Jeder musste ja ein Foto von sich und eine Selbstdarstellung schicken. Nur Leute mit besten Bewertungen? Jeder Gast wurde bei „Airbnb“ genauestens bewertet. Auch ich bewertete streng. Es gab eine öffentliche Bewertung und eine weitere, die der Gast nicht sehen konnte (bei Letzterer trug ich unbestechlich kleine Fehlverhalten ein, etwa „Die Person wirkt ein bisschen exaltiert und scheint den kleinen Dingen des Lebens nicht gewachsen zu sein“).“ Und: „Einmal war ein homosexuelles Paar darunter, Dieter und Rolf. Sie hatten das gar nicht verheimlicht. Sie kamen aus der Schweiz und waren so alt wie ich, also schon über fünfzig oder knapp darunter. Man kann das ja bei Schwulen schwer sagen, da sie sich so jugendlich geben. Ich habe zum Glück keine Vorurteile gegen solche Typen und stellte mich beherzt der Aufgabe. Und tatsächlich verstand ich mich gut mit denen. Bis zuletzt hat keiner versucht, mich anzumachen.“

Meine Güte, habe ich gelacht. Süffisant geschrieben, genug Eier gezeigt, ohne Rücksicht auf Verluste. Was eine Bereicherung zur faden „Wir sollten uns alle lieb haben“-Mentalität, ein bisschen Charles Bukowski, wenn man so will. Und das ausgerechnet bei der konservativen FAZ. Der Autor heißt übrigens Joachim Lottmann (vorher nie gehört), ist „nach eigenen Angaben 54“ (FAZ) und hat zuletzt das Buch „Endlich Kokain“ publiziert. Sarkastisch, ein bisschen zynisch, genau richtig.

Nun ist es ja nicht so, als hätte der gute Mann darüber geschrieben, dass sich Deutschland abschafft oder „Mein Kampf“ als klassische Literatur eingestuft werden sollte. Es ging lediglich um „Airbnb“, gleichzeitig  spielte er provokant, typographisch niveauvoll mit Ressentiments. Doch bevor ich mir die Facebook-Kommentare anzeigen ließ, ahnte mir schon Böses. Zu Recht. Hier die unredigierte Heuchelei: „Selten einen so weltfremden, abstoßenden Artikel gelesen. Unnötig ehrlich und dadurch leider sehr aufschlussreich, was die Weltanschauung des Autors angeht. Dieser Artikel macht betroffen“, schreibt Marc Groten (Ja, ich benutze Klarnamen!). Anja Elisabet Weber und Icks Nakata Wolsock sind sich einig: „Ein Unsympath“. „Da klappt einem ja die Kinnlade runter. Was ist das denn für ein Autor, oder ist soetwas das etwa das östereichische Verständnis von Vorurteilsfreiheit?“, schreibt Sebastian Zenker. Und York van den Berg rockt die Kommentar-Bude mit „Was für ein ungebildetes, vorurteilbeladenes Arschloch! Ich hoffe einer zeigt ihn beim Finanzamt an!

Auch ich habe mich furchtbar aufgeregt und hatte kurzzeitig das Bedürfnis, der nächsten Rentnerin, die mir über den Weg läuft, ein Bein zu stellen. Umso netter desto besser. Aber nicht über den Autor, sondern über die Reaktionen auf diesen Text. Wie krankhaft engstirnig muss eine Gesellschaft sein, dass erwachsene Menschen ihre Zeit damit verbringen, der Political Incorrectness nachzujagen, nur um dann ganz aufgewühlt und „betroffen“ vor Facebook zu sitzen, während sie den Autor noch als „Arschloch“ titulieren? Und das alles garniert mit Vorwürfen von rassistisch bis homophob.

Liebe Leser, mit Political Correctness ist es wie mit Gott. Der Begriff ist einfach zu abstrakt. Die Wahnsinnigen der IS glauben ebenso an den Typ da oben wie Pastor Müller aus dem oberbayerischen Prittriching, bloß fährt der nicht mit langem Bart und Panzer durch die Wüste, um ein evangelisches Kalifat zu errichten. Soll heißen: Political Correctness steht lediglich als Begriff im Raum und obwohl nicht ein Facebook-Kommentator sicher sein kann, dass seine Auslegung dieses Begriffs die einzig wahre ist, erdreistet sich trotzdem eine ganze Meute in ihrem Namen zu kommentieren. Was nicht selten völlig weltfremde Züge annimmt und unsere Spaßgesellschaft in den humoristischen Ruin treibt – und mir den Morgen versaut.

Natürlich ist Lottmanns Text und die Reaktionen darauf nur eine ganz ganz kleine Nuance, nur ein furchtbar oberflächlicher Querschnitt meiner Rezipienten-Basis. Dennoch gibt es mir zu denken. Sind wir wirklich so humorlos? Wird nicht nur „Mein Kampf“, sondern bald auch schräger Humor im Allgemeinen verboten? Dürfen die das?! Ich sage: Weiter so, Herr Lottmann. Weiter so an all jene, die sich in ihrer Vorstellung von Humor nicht knechten lassen und lieber geächtet werden, als sich anzupassen. Und so sehr ich mich über Marc, Anja, York und Icks aufregen musste, so schön ist doch eine Erkenntnis: Die Welt besteht eben nicht nur aus sich anbiedernden Weicheiern und Betroffenheits-Heuchlern. Es gibt auch noch genügend Arschlöcher. Und das ist auch gut so.

 

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Ein Gedanke zu “„Humoristischer Ruin“ oder „Wie gut, dass es Arschlöcher gibt“

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