„Preußische Tugenden“ oder „Meine erste Begegnung mit einem AfD-Politiker“

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Vom Bahnhof holt der Spitzenkandidat noch persönlich ab. AfD-Politiker Björn Höcke kommt im silbernen Mini-Van, hinten vier Kindersitze, ein Partei-Aufkleber am Heck. In der linken Hochburg Göttingen hat der was von einer Zielscheibe. „Lange kann ich mein Auto hier nicht aus den Augen lassen“, sagt er und lacht. Das Handy klingelt. Mal wieder.  „Der Wahlerfolg in Sachsen war wie ein Dammbruch.“ Meine Begegnung mit dem landespolitischen Spitzenkandidaten einer Partei, die aktuell polarisiert wie keine andere – und kurz darauf mit über zehn Prozent in den Thüringer Landtag einzog.

Nach einer kurzen Parkplatzsuche sitzen der AfD-Spitzenkandidat für Thüringen und ich vor einer kleinen Bäckerei in einer Seitenstraße. „Das zahle ich zusammen. Geben Sie dem jungen Mann seinen Euro zurück“, meinte er zuvor noch zu der guten Frau hinter dem Tresen. Meine erstes Interview mit einem AfD-Spitzenmann beginnt also mit einem Gratis-Kaffee für 1 Euro, denke ich, und überlege kurz, wieviel Deutsche Mark das gewesen wären. Die AfD? Kennt man. Weil medial omnipräsent wie keine andere Partei in diesen Tagen. Eine Partei, die polarisiert wie keine andere. Vergesst die NPD oder rotgefärbte Ableger alá MLPD!

Björn Höcke ist nicht das populärstes Mitglied der Alternative für Deutschland, aber er gehört zu den Gründungsmitgliedern. Ein 41-jähriger Lehrer für Sport und Geschichte, der über Jahrzehnte zwar hochpolitisiert, aber nie auffallend politisch aktiv war. Mal abgesehen von einem kleinen Intermezzo bei der Jungen Union. „Dafür schäme ich mich heute noch“, sagt er später am Tag. Über Jahre nur er und das Klassenzimmer eines Thüringer Gymnasiums, zwischendrin die Sporthalle. Fußball, Basketball, Turnen, kennt er. Wahlkampf ist neu. Eigentlich.

Denn an diesem Nachmittag Anfang September spricht er in Standpunkten, zitiert Philosophen, Wissenschaftler und Richard von Weizsäcker mit dem Satz „Dieser Staat ist ein Raub der Parteien geworden“. Er spricht von den etablierten Parteien, von einem „Totalitarismus der linksliberalen Mitte“  und eine Stigmatisierung derjenigen, die sich dem linken Mainstream nicht anpassen. Von Meinungszensur, einer laschen Einwanderungspolitik und davon, dass er sich um die deutsche Kultur sorgt. Meistens ruhig und konzentriert, nur beim Stichwort „Merkel“ braust er auf: „Dieses Rumgemerkel tut diesem Land nicht gut“, sagt er dann.

Mit der AfD will Höcke nicht weniger als das Land retten und eine Rückkehr zu „preußischen Tugenden“ einläuten. Dienstethos, Pflichtgefühl, Gemeinschaftssinn. Er meint das wirklich ernst. Und er hat auch ein bisschen Spaß dabei, mit der AfD die politische Landschaft auf den Kopf zu stellen: „Manchmal muss der Habicht ein wenig Wirbel im Hühnerstall machen“, findet er. Mit Hühnern meint er die Köpfe der etablierten Parteien.

„Preußische Tugenden“, „lasche Einwanderungspolitik“, Begriffe bei denen jedem ZEIT-Redakteur vor Schreck die Tasse Ingwer-Tee aus der Hand fällt. Da heulen Alarmsirenen, da schleichen sich Vorstellungen in den Kopf, wie jene von einem Bernd Lucke, der tagsüber den netten Euroskeptiker gibt und nachts vielleicht in SS-Uniform zu Richard Wagner durch den Keller marschiert. Tschingderassabum. Oder wie der SPIEGEL jüngst in einem Porträt über Lucke vermittelte: Der wirkt eigentlich ganz nett, aber der tut bestimmt bloß so…

Über Letzteres lacht Björn Höcke an diesem Nachmittag. Natürlich, das weiß er, rührt auch der SPIEGEL die Werbetrommel für die AfD ordentlich, Spiegel Online ganz besonders. Mit jedem einzelnen Artikel. Je negativer, desto besser. Ob ihn der Rechtspopulismus-Vorwurf trotzdem trifft? „Diese Banalitäten lasse ich gar nicht an mich ran“, sagt Höcke. Nur einmal kam das vermeintlich Banale doch zu nahe. An einem Wahlkampfstand in der Innenstadt, nicht lange her, als eine Gruppe Linker seinen Stand attackierte. Immerhin nur den Stand, nicht die Menschen drumherum. Am vergangen Wochende zogen Höcke und seine Thüringer Parteikollegen mit über zehn Prozent in den Landtag ein.

Seit Wochen wird die AfD samt Rechtspopulismus-Vorwurf durch die Medien getrieben, wie die berühmte Sau durch’s Dorf. Sicher, es gibt sie in der AfD, jene, die im Zuge der Globalisierung irgendwie auf der Strecke geblieben sind und ihren Selbsthass auf andere Ethnien projezieren. Früher NPD, heute AfD. Die müssen sie aussortieren, kompromisslos. Aber Höcke, der vierfache Familienvater, Lucke, der Professor, Gauland, der ehemalige CDUler, sind das wirklich nur rechtspopulistische, intellektuelle Nazis im Schafspelz? Oder ist es tatsächlich so wie Höcke sagt und das Problem ist der „Totalitarismus der linksliberalen Mitte“.

Haben Medien und Bürger nur Angst vor dem Konservativismus, weil er so nach gestern klingt? Legen wir bestimmte Wörter zu schnell auf die Policital-Correctness-Waage? Was bedeutet Wahrheit? Ich habe an diesem Tag einen Politiker kennengelernt, der seltsame Begriffe wie „preußische Tugenden“ benutzt, einen, den es nicht stört als „rechts“ bezeichnet zu werden, wie er sagt. Nicht im radikalen Sinne, sondern als Gegenströmung zu links. Wie früher eben, wie die CDU vor 20 Jahren. Noch lange vor der Zeit als die taz es irgendwie geschafft hat, das „Bürgerinnen und Bürger“ in die politische Sprachlandschaft einzuschleusen. Einen Politiker, mit dem ich in vielen Dingen einer Meinung bin, in vielen Dingen auch nicht.

Ich weiß nicht, ob die AfD wirklich das Problem ist oder ob sie die politische Landschaft erweitert und damit der Demokratie eigentlich zuträglich ist. Ich weiß nur, dass freie Meinungsäußerung auch bedeutet anzuecken, vielleicht sogar, dann und wann die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten oder das, was manch einer als guter Geschmack oder Political Correctness definiert.  Ich weiß nur eins: Der Rechtspopulismus-Vorwurf ist mir einfach zu billig. Nicht erst seit diesem Nachmittag Anfang September.

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Ein Gedanke zu “„Preußische Tugenden“ oder „Meine erste Begegnung mit einem AfD-Politiker“

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