„HoGeSa, alles Nazis?“ oder „Die journalistische Sorgfaltspflicht“

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„Hooligan-Randale: Rechtsextrem, betrunken und brandgefährlich“ titelt Spiegel Online, „Rechtsextreme Randale“ schreibt die Online-Ausgabe der FAZ. In Köln haben gestern zwischen 1500 und 4500 Anhänger der Gruppierung „Hooligans gegen Salafismus“ (HoGeSa) demonstriert. Die schwammig benannte Anzahl hat übrigens nichts damit zu tun, dass Polizei und HoGeSa nicht zählen könnten. Die Polizei hält die Zahl der Teilnehmer bei solchen Veranstaltungen prinzipiell kleiner als sie ist, auf der anderen Seite tendieren Veranstalter gerne dazu, die Anzahl künstlich nach oben zu schrauben. Das läuft ein bisschen wie bei der allseits beliebten „Wer hat den Größten“-Herausforderung und soll uns an dieser Stelle nicht weiter tangieren. Viel wichtiger: Sind die HoGeSa wirklich Nazis? Und wie steht es um die journalistische Objektivität?

Gestern in Köln: Es kommt zu Stein- und Flaschenwürfen, Gegendemonstranten werden beleidigt, ein Polizei-Bus wird umgewofen und die Beamten setzen Wasserwerfer ein, um Randalierer auseinanderzutreiben. Ein junger Journalist stellt kurz darauf auf Twitter fest, dass dies die „größte Nazi-Kundgebung“ gewesen sei, die er jemals gesehen habe. Und die Antifa ist schon seit Tagen ganz aus dem Häuschen. Endlich wieder was los im Land der Täter!

Alles Glatzen

Es ist ein ganz schlimm beängstigendes Bild, das viele meiner Kollegen in den verschiedenen Medien zeichnen oder Privatpersonen auf Twitter und Co, von den verschiedenen Bündnissen gegen Rechts ganz zu schweigen. Unter den ersten großen Online-Medien, die über die anstehende Demo berichteten, war Zeit Online. Für die Kollegen war vor zwei Wochen schon klar: Es wird ein Nazi-Aufmarsch.

Machen wir es wie bei „Hart aber fair“.  Fakt ist: Angemeldet wurde die Demonstration von ProNRW-Mitglied Dominik Horst Roeseler. Fakt ist aber auch: ProNRW hat sich im Rahmen einer Abstimmung von der HoGeSa distanziert und nicht etwa – wie Spiegel Online in einem Video-Bericht behauptet – sogar zu dieser Demonstration aufgerufen.

Fakt ist: Unter den Hooligan-Gruppierungen, die sich in Köln einfanden, waren auch Mitglieder der Borussenfront, von Nordsturm Brema und die lokalen Hools der Boyz, in der Szene allesamt für ihre rechte bis rechtsextreme Gesinnung bekannt. Fakt ist aber auch: Die HoGeSa hat sich bereits frühzeitig auf ihrer Facebook-Seite von Extremismus jeglicher Art distanziert, links wie rechts, und lediglich wissen lassen, dass man aber auch niemanden von einer Demonstration ausschließen werde. Das Einzige was zähle: die Sache.

Ich habe ein paar Tage nach dem Nazi-Aufmarsch-Bericht von Zeit Online mit dem Innenministerium in NRW telefoniert. Die Aussage war eindeutig: „Wir können nicht feststellen, dass die Gruppe von Rechtsextremen unterwandert oder von ihnen instrumentalisiert wird.“ Viel mehr handle es sich – wie in der Hooligan-Szene üblich – um ein breites Spektrum an politischen Gesinnungen jeglicher Art. Links wie rechts. Gemein sei allen nur das Gewaltpotenzial – und der Bezug zum Fußball.

In einen Topf und Deckel drauf

HoGeSa, alles Nazis? Ich habe mich in den vergangenen Tagen häufiger auf der mittlerweile gelöschten Facebook-Seite „HoGeSA.eu“, Slogan „Gemeinsam sind wir stark“, herumgetrieben, um mir selbst ein Bild zu machen. Auch unter den HoGeSa-Anhängern wurde die Personalie Dominik Horst Roeseler heiß diskutiert, ein Kommentator meinte: „Damit schießt ihr Euch selbst ins Knie.“ Die Antwort eines Admins: „Wir kennen Dominik, er ist privat ein prima Kerl auf den man sich verlassen kann.“ Sein politisches Engagement tue nichts zur Sache. Man blieb seiner Linie treu. Alle zusammen, hauptsache gegen Salafisten. Alle zusammen, egal wie sehr man sich von Vereins-Wegen eigentlich feindlich gegenübersteht.

Der Journalismus hat ein gewaltiges Problem, dessen Tragweite immens ist: Beim Thema Nazis fehlt es vielen Kollegen an der objektiven Ausgewogenheit. Nur weil unter den Demonstranten in Köln auch Teilnehmer „Deutschland den Deutschen“ oder „Frei, sozial und national“ skandierten, darf sich kein Journalist zu einem „Alle in ein Topf und Deckel drauf“-Schema verleiten lassen. Das widerspricht jeglicher journalistischer Sorgfaltspflicht. Bei der Berichterstattung über die AfD schon mehrfach passiert, und jetzt auch bei HoGeSa.

Beim Thema Fußball-Szene und ihre Hardcore-Fans verhält es sich genauso. Die wenigsten meiner Kollegen unterscheiden zwischen Hooligans und Ultras: Wer Schmähgesänge anstimmt oder eine Leuchtrakete zündet, der wird genauso zum hirnlosen Gewalttäter degradiert, wie jene, die vor einigen Jahren den Polizisten Daniel Nivel im französischen Lens so schwer misshandelt hatten, dass der Familienvater mehrere Wochen im Koma lag und heute schwerstbehindert ist.

Dass es zwischen Hools und Ultras zig Abstufungen gibt, scheint den meisten keine Erwähnung wert. Dass ein deutsches Fußballstadion zu den sichersten Orten überhaupt gehört, sowieso nicht. Es sind die gleichen Kollegen, die Bengalische Feuer als Waffen ausmachen und beim Platzsturm in der Relegation im Mai 2012, Fortuna gegen Hertha, über „Skandal-Spiel“ und „Chaoten“ schrieben. Anhänger hatten einen Pfiff des Schiedsrichters als Schlusspfiff gedeutet. Mehr nicht.

Hools und Nazis

Aber zurück zu den HoGeSa und den Vorfällen in Köln: Es ist unbestritten, dass unter den Demonstranten auch Rechtsextreme waren. Ob der Großteil der Neo-Nazis tatsächlich als Hooligans anreisten oder sich lediglich der HoGeSa-Bewegung für diese Demonstration angeschlossen hatten – und sich so ins gemachte Gewalt-Nest setzten – wird nicht zu klären sein. Es ist die Aufgabe der Medien auch das zu kommunizieren.

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Symbol der „HoGeSa“ mit Slogan

Natürlich, es gibt sie, die Schnittmengen zwischen Hooligans und Neo-Nazis. Meines Wissens nach sind es jedoch gerade einmal 400 Hooligans, die laut Polizei gleichzeitig dem rechtsradikalden Spektrum zugeordnet werden können. Eine Gruppe wie die HoGeSa also prinzipiell als Neo-Nazis zu geiseln ist das selbe Schemata wie alle Muslime in die Salafisten-Ecke zu pressen. Beides grober Unfug.

Ich bin nicht blauäugig was das Gewaltpotenzial betrifft. Dass Hooligans ein anderes Verhältnis zur Gewalt haben als Tante Ilse von den Grünen ist klar. Dass Ausschreitungen dadurch programmiert waren vielleicht auch. Und ja, das Recht auf freie Meinungsäußerung darf nicht missbraucht werden, um Straßenschlachten anzuheizen. Doch die Frage bleibt: Wer hat eigentlich zuerst provoziert? Wer hat tatsächlich angefangen, vielleicht sogar Polizei oder Linke? Oder war es doch – was naheliegend ist – eine Dynamik mit vielen Faktoren, die zur Gewalt geführt haben? Das kann nur lückenlos geklärt werden, wenn die Verallgemeinerung der Differenzierung weicht. Das nur nebenbei, weil es an dieser Stelle vorrangig um den Nazi-Stempel gehen soll.

Die FB-Seite der HoGeSA wurde vor einigen Tagen gelöscht. Auch, weil es viele rassistische Kommentare gegen hat. Mit dieser Begründung könnte man aber auch den FB-Auftritt von Welt oder Focus Online löschen. Und am Ende ist es Zensur, nicht mehr, nicht weniger. Für mich als überzeugten Demokraten ist die Löschung weit schlimmer, als der ein oder andere verblendete Vollidiot, der seinen Selbsthass auf Facebook kanalisiert.

Aber bitte, liebe Kollegen, gebt Euch doch keinen illusionistischen Normen hin: Die Political Correctness des Otto-Normal-Bürgers ist die Sprache des Schulaufsatzes, eine Sprache, die man im Pfarrhaus spricht ode am gutgedeckten Tisch mit der Familie. Die Sprache der Ränge und Stadien ist die Sprache der Straße. Ein „Scheiss Islam“ ist mir deutlich zu wenig, um dahinter gleich einen Neo-Nazi zu vermuten. Eher jemanden, der nicht genügend reflektiert – aber geht er deshalb gleich auf Muslime-Jagd?!

„Lügenpresse“

Als ich mich das letzte Mal durch die FB-Seite geklickt hatte, waren es knapp 30.000 Likes, Spiegel Online schrieb von etwa 40.000 Likes vor der Löschung. Knapp 40.000, alles Nazis? Wohl kaum.

Berichterstattung ist das eine, Recherche das andere. Ich wäre jederzeit bereit mich mit Vertretern der HoGeSa an einen Tisch zu setzen und über die Vorkomnisse und den Nazi-Vorwurf zu sprechen. Einfach deshalb, weil es meine Pflicht wäre, die andere Seite ebenso zu Wort kommen zu lassen wie Polizei oder Bündnisse gegen Rechts, wenn ich Artikel rund um die HoGeSa in meinem Medium publizieren würde. Es ist meine Aufgabe als seriöser Journalist, BEIDE Seiten zu hören.

Da stößt man jedoch auch unter Kollegen auf Grenzen: „Man darf diesen Leuten nicht auch noch eine Plattform geben“, heißt es dann. Geben wir ihnen denn keine Plattform, wenn wir ohne ihre Stellungnahme publizieren?! Machen wir uns nicht lächerlich, wenn wir nur einen Polizeibericht abschreiben oder wiederkauen, was uns vermeintliche Experten über Dritte erzählen?!

Vielleicht sind die HoGeSa eine Nazi-Bewegung, vielleicht auch nicht. Vielleicht haben Rechsradikale nur die Gunst der Stunde genutzt, vielleicht wollten die HoGeSa tatsächlich – wie angekündigt – eine friedliche Demonstration. Vielleicht war das alles nur Fassade. Aufgeregte Schlagzeilen zum Thema nutzen bei der Beantwortung dieser Fragen allerdings gar nichts.

Das Problem wenn man als seriöser Journalist tatsächlich seiner Pflicht nachkommen will: Die einseitige Berichterstatttung über Ultras und Hooligans hat auch dazu geführt, dass die Gruppierungen kaum mehr mit Medien sprechen. „Lügenpresse“ ist so ein Wort, das in der Szene kursiert, Kontakte zu Journalisten sind verpöhnt, sogar ein Risiko für die Gesundheit. Auch in Köln wurden Journalisten bedroht und körperlich angegangen. Gewalt ist immer der falsche Ansatz. Eine strikte Ablehnung von Journalisten aber, und eine Portion Wut auf die „Lügenpresse“, kann man den Gruppen wohl kaum verdenken. Zumindest dann nicht, wenn man auch nur ein bisschen Empathie besitzt. Journalist hin oder her.

Bildquellen: Screenshot, Youtube-Einbettung

 

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