„Deutschland, einig, Idiotenland“ oder „Braunes Hemd, rote Standarte: Auf der Suche nach dem Nazi-Kontext“

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Innerhalb von wenigen Tagen sind gleich zwei vermeintliche Nazi-Assoziationen aufgetaucht, die an Absurdität kaum zu überbieten sind: Ein Moderator des Morgenmagazins wird kritisiert, weil sein Hemd auf dem Bildschirm braun wirkte und die Sparkasse für eine rote Standarte am Brandenburger Tor. Die lasse Erinnerungen an die Standarten im Dritten Reich wach werden, so der Vorwurf. Hauptverantworlich für diese völlig absurden Debatten sind, natürlich, mal wieder die geliebten Kollegen. Wenn es also an Intelligenz mangelt: Ich übernehme gern. Und weil sich die Opfer solcher Schmäh-Kampagnen auch noch bei den Tätern entschuldigen, gibt es ein bisschen Rückgrat gratis dazu.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass der Umgang mit der NS-Geschichte zu einer billigen Kirmes verkommt. Aufarbeitung muss sein, weil sie Unrechtsbewusstsein prägt. Vor allem aber, um ein Gespür für jegliche anti-demokratische Strömung zu entwickeln. Aufklärung macht uns wachsam und Wachsamkeit macht eine funktionierende Demokratie aus. Das ist die gute Seite an all den NS-Fernsehdokumentationen und dem fast monothematischen Geschichtsunterricht in allen Jahrgängen.  Das Gute an Tausenden Artikeln über das Tausendjährige Reich, die sich mal mehr, mal minder objektiv und feinfühlig mit der NS-Vergangenheit beschäftigen.

Wäre da nicht diese beklemmende Angst, hinter jeder Ecke könnte ein Nazi lauern oder ein neuer Führer stünde schon in den Startllöchern. „The German Angst“ nennen das die Engländer. Angst vor Hitler, Angst vor sich selbst, Angst vor der Vergangenheit, Angst vor der Zukunft…; überall Angst. Und wir drehen durch, wenn sich eine neue konservative Partei gründet, wenn jemand lautstark Israel kritisiert und fragen uns ständig „Oh Gott, Nazi?“. Doch auch Aufarbeitung braucht seine Pausen, sonst kann sich das Gelernte im Hirn nicht festsetzen. Aber anstatt uns tiefgehend und zu angemessenen Zeiten mit der NS-Historie zu beschäftigen, achten wir lieber panisch–zwanghaft auf jegliche Nuancé, die sich irgendwie in den Nazi-Kontext stellen lässt. Und sobald wir etwas erspähen, greifen die Medien es auf. Skandal macht frei.

„Es gibt in Deutschland nämlich einen Ort, an dem man mit roten, hängenden Standarten sehr, sehr vorsichtig umgehen sollte, und das ist das Brandenburger Tor in Berlin“, kommentiert Welt Online etwa die Geschehnisse rund um die Sparkassen-Standarte. Und damit es besonders von oben herab klingt, benutzt der Verfasser „sehr“ gleich zwei Mal. Dass das hier Zitierte irgendwie schief klingt, liegt aber bei Weitem nicht nur am mangelnden schreiberischen Talent des Kollegen. Was sich nach Oberlehrer anhört – noch so eine Journalisten-Krankheit – ist nichts weiter als der schäbige Versuch einen Skandal zu konstruieren. Entsprechend lustig bis wütend sind dann auch die Reaktionen der FB-User unter dem Artikel. Völlig zu Recht.

Angestoßen hat diese Debatte, die eigentlich keine ist, übrigens Spiegel-Online-Redakteur Stefan Kuzmany über Twitter. Mit einem Bild und dem Satz „Die Marketingabteilung der Sparkasse hat ein großartiges visuelles Gedächtnis. Respekt“. Wenn er das lustig findet, gut, dann soll er es lustig finden. Ist ja ein freies Land. Und weil das so ist: Dass sich überhaupt jemand erdreistet, eine vielleicht unglückliche Werbung der Sparkasse in einen Zusammenhang mit Nazi-Deutschland zu bringen, zeugt entweder von geistiger Umnachtung oder lässt sich zurückführen auf einen selbstauferlegten Größenwahn, an dessen Anfang wiederum die Unterentwicklung gewisser Körperregionen steht.  Kompensation nennt das die Psychologie.

Gleiches gilt im Übrigen für die paar Zuseher des Morgenmagazins, die ernsthaft einen seriösen Moderator für seine Hemdwahl geiselten. Das Problem: Auf dem Bildschirm wirkte es braun und in diesem Braun moderierte er – dreist wie er ist – eine Sendung über Hooligans und Rechtsextreme an. Ein paar Hinweise und die Reaktion war genau die gleiche wie jetzt bei der Sparkasse: Das Morgenmagazin ENTSCHULDIGTE sich auch noch bei den Dummen und Einfältigen da draußen. Ignorieren hätte man sie sollen, Kuzmany auch. Medien im Land der Dichter und Denker? Wohl eher Dumme im Land der Richter und Blender! Ich hol meine Deutschland-Standarte wieder rein.

 

Bildquellen: Screenshot, Twitter

P.S. Der Typ auf dem Bild ist nur der Helge, nicht der Adi.

 

 

 

 

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