„Tilo Jungs Weltfrauentag-Fauxpas“ oder „Wie der Feminismus nun sogar unseren Humor angreift“

jung

Es ist schon eine Gratwanderung. Was darf Mann noch? Wann ist es ein Flirt, wann eine unangemessene Annäherung, wann Sexismus? Und wer zum Teufel bestimmt eigentlich, was Mann noch darf? Vorab: Ich bin kein großer Fan von Tilo Jung, schon sein Format „Jung und naiv“ war mir zu viel Selbstinszenierung, so ein bisschen wie gefilmtes Neon für 18-jährige Germanistik-Studentinnen, die diese kleine Portion Hybris irgendwie süß finden. Wie auch immer. Ich bin kein großer Fan von Tilo Jung, umso mehr überrascht es mich, dass ich mich an dieser Stelle tatsächlich auf seine Seite schlagen muss.

Worum geht’s? Der Kollege hat am Weltfrauentag eine Zusammensetzung aus vier Bildern bei Instagram gepostet. Das erste zeigt einen Mann, der von seiner – vermutlich – Freundin zum Wasser geführt wird, irgendwo am Meer. Das zweite Bild zeigt seinen Fuß auf ihrem Rücken. Im dritten Bild sein Fuß und sie strauchelt in Richtung Wasser. Und im vierten Bild liegt die gute Frau in der Brandung. Es ist eine Art Persiflage auf eine Bilderserie eines Bloggers, der seine Freundin in allen möglichen Städten an seiner Hand fotografierte. Wenig geistreich, aber aus dem selben Blickwinkel.

Die wahren „Arschlöcher“

Nun wäre Deutschland natürlich nicht Deutschland, wenn sich bei dem Kollegen mit C-Promi-Status nicht gleich ein kleiner Haufen von Trollen zusammenrotten würde, um ihre eigene humoristische Armut auf andere zu projizieren. Shit-Storm war die Folge. Tilo Jung sei ein „Arschloch“ war auf Twitter zu lesen. Ein sexistisches Arschloch. Ja, ein sexistisches Arschloch, dass sich über Gewalt gegen Frauen lustig macht. Und das am Weltfrauentag.

Reaktionen, mit denen man in den sozialen Medien natürlich immer mal rechnen muss, weil die wahren „Arschlöcher“ da draußen nichts Besseres zu tun haben, als Jagd auf Leute zu machen, die sich nicht ihrer Welt-Doktrin und ihren auferlegten Anti-Sexismus-Dogmen unterwerfen wollen. Eigentlich war es einfach nur ein – für manche vielleicht derber – Scherz, den man lustigen finden kann – oder eben nicht.

Und obgleich sogar Fifty Shades of Grey härter ist als diese Bilderreihe, war sogar im FAZ-Blog zu lesen: „Die Geschichte (also die Bilderreihe) ist alles andere als schön, menschlich höchst unerfreulich, und zugleich etwas, das im Internet des Revenge Porn, der Gehässigkeiten über Topmodelle und der allgemeinen mangelnden Rücksichtnahme an der Tagesordnung ist. Auch am Tag der Frau.“ Die Online-Seite der taz stellte fest, dass es Jung „nicht überrascht haben“ dürfte, „wie schnell die Empörung bei gewaltverherrlichenden, chauvinistischen Bildern hochschlägt“, da er vor drei Jahren ja schon einmal in einem „frauenfeindlichen“ Werbespot mitgewirkt habe. Und sogar „Meedia“ nannte die Bilderreihe – wie selbstverständlich und dem Political Correctness-Wahn angepasst – frauenfeindlich.

Aufmerksamkeits-Drang und Neid

Ich habe an dieser Stelle schon mehrfach über den Shit-Storm-Blutdurst vieler Trolle, „Gutmenschen“ und auch Journalisten geschrieben, die sich nur zu gerne zu Knechten ihrer eigenen, von Political Correctness durchtränkten, Weltanschauung machen lassen. Abgesehen davon, dass die Beteiligung an Shit-Storms wahrscheinlich auf einen Minderwertigkeitskomplex hindeutet, der sich in einem übersteigerten Aufmerksamkeits-Drang und dem Hass auf erfolgreichere Menschen entlädt, reichen die Peinlichkeiten ja noch viel weiter – und nehmen Ausmaße an, die den meisten Empörten gar nicht bewusst sein dürften.

Wer in einer solchen Bilderreihe die Verherrlichung von Gewalt gegen Frauen und Sexismus erkennt, verspottet im gleichen Atemzug wirkliche Opfer, die in Deutschland und überall auf der Welt durch die Alltags-Hölle Zuhause gehen, noch jahrelang an den psychischen Folgen einer Vergewaltigung leiden, oder – um es vielleicht nicht auf die Spitze zu treiben – einfach nur jeden Tag sexueller Belästigung im Büro ausgesetzt sind oder keinen Job bekommen, weil sie das „falsche“ Geschlecht haben. All das stößt übrigens nicht nur Frauen zu, aber das ist ein anderes Thema. Auch die Frauenquote gibt darauf keine Antworten, sie verschlimmert die Situation viel mehr – vor allem für Männer. Aber zurück zu Tilo Jung.

Ist es nicht in letzer Konsequenz auch eine Art von Sexismus, dass man als Mann keine Witze mehr über Frauen machen darf? Und ist es nicht auch Sexismus, hinter solchen Witzen – weil sie von einem Mann kommen – gleich Sexismus und Verherrlichung von Gewalt gegen Frauen auszumachen? Was wäre wohl gewesen, wenn die Rollen vertauscht, der Mann in der Bilderreihe das „Opfer“ gewesen wäre? Vermutlich hätten sich eine ganze Menge Empörter darüber amüsiert. Gut, dass wir das Patriarchat hinter uns haben, willkommen im Matriarchat. Pest und Cholera.

Geht eine Frau alleine ins Kino…

Während unsere Trolle, „Gutmenschen“ und linke Journalisten also mittlerweile nicht mal mehr halt vor derbem Humor machen (sich mit den Karikaturen von Charlie Hebdo aber trotzdem solidarisch zeigten) und Deutschland so am Ende zu keinem freieren, gleichberechtigteren Land machen, sondern durch ihre aufgesetzte Empörung viel mehr einen Keil zwischen die Geschlechter treiben, beanspruchen sie für sich selbst, im Guten zu handeln. Das tut ihr nicht! Ihr wollt was verändern: Geht doch in den Iran und kämpft für die Rechte der Frau – oder klärt den Salafisten von nebenan mal über die Grundwerte unserer Demokratie auf. Schauen wir, was dann passiert.

Man möchte meinen, dass am Ende zumindest die Redaktion von „Krautreporter“ (ja, dieses hippe, neue Journalismus-Ding mit dem Crowdfunding und dem seltsamen Namen) sich hinter ihren Kollegen stellt und wissen lässt: Hey, über Humor lässt sich noch immer streiten! Doch: Weit gefehlt. Krautreporter-Herausgeber Sebastian Esser ließ am Montag über Twitter wissen: „Zu @TiloJung: Krautreporter steht nicht für Sexismus und das Kokettieren mit Gewalt gegen Frauen. Wir werden Konsequenzen daraus ziehen.“ Noch peinlicher als diese grenzenlose Unsolidarität war am Ende nur die Reaktion von Jung selbst, der, anstatt wissen zu lassen, dass er sich von ein paar Trollen doch nicht Humor und Mund verbieten lässt, ebenfalls auf Twitter reumütig feststellte: „Schlechte Witze verdienen diese Reaktionen. Mein Fehler, tut mir leid.“

Da fällt mir ein: „Geht eine Frau alleine ins Kino und setzt sich zwischen zwei Männer. Als das Licht ausgeht ruft sie plötzlich: Sie da, nehmen Sie ihre Finger da weg. Kurzes Schweigen. Nein, nicht Sie!“ In diesem Sinne: Ich geh mal Charles Bukowski lesen.

Bildquelle: Instagram / Screenshot

 

 

 

 

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Ein Gedanke zu “„Tilo Jungs Weltfrauentag-Fauxpas“ oder „Wie der Feminismus nun sogar unseren Humor angreift“

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