„Moral im Sinkflug“ oder „Der Absturz des Journalismus“

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Germanwings. Der Absturz macht uns „betroffen“, sagen die Kollegen in der Tagesschau und schicken einen Reporter zum Betzenberg, der Fußballfans vor dem Spiel fragen soll, ob sie überhaupt in der Lage sind, dieses Spiel nach dem „schrecklichen“ Unglück zu sehen. „Hilft es Ihnen, ihr Leben nach dem Schock normal weiterzuführen?“, „Finden Sie, das Spiel hätte abgesagt werden müssen?“, „Ist das nicht alles furchtbar?“. Die Kollegen vom Morgenmagazin inszenieren sich so, als stünden sie persönlich unter Schock. Wenn das Thema kommt, schwindet das Guten-Morgen-Lächeln, betroffen wird in die Kamera geguckt, die Stimme wird leiser. Alles so schrecklich.

Online-Medien titeln Sätze wie „Suizidforscher: Tat des Germanwings-Co-Piloten sehr ungewöhnlich“ oder „So emotional reagiert Lufthansa auf das Unglück“, stellen zeitweise acht Artikel zum Absturz allein auf die Startseite. Wer aus der Branche kommt, der weiß, dass das viel mit Google zu tun hat.

Ich habe von Kollegen gehört, dass Praktikanten und Werksstudenten die Nachbarn der Opfer in Haltern durchtelefonieren und die Nachbarn des Co-Piloten. „Jung, sportlich, depressiv“ liest man. Die Nachbarschaft wird belagert. Ich fühle mich vom Schund belagert, der sich irgendwann einmal Journalismus nennen durfte. Nennt mich ruhig Nestbeschmutzer.

Weinende Angehörige, ungepixelt

Bild.de-Chef Kai Diekmann brüstet sich auf Twitter mit „Das ist echter Journalismus“, tut so, als sei es keine Sensationsgeilheit, wenn alle Geschehnisse rund um 4U9525 bis ins kleinste Detail ausgeschlachtet werden. Der Co-Pilot mit Exklusiv-Bild auf der Titelseite, mit Infos zur Person, allen Infos.

Und die Grenzen zwischen Boulevard und Qualitätsjournalismus lösen sich auf, besser gesagt, der Qualitätsjournalismus stirbt, die Effekthascherei bleibt, die Moral geht, Klicks sind die Währung, nicht Mitgefühl. Weinende Angehörige, ungepixelt, mit Bildern des Co-Piloten, ungepixelt, und mit Klarnamen abgedruckt. „Das ist der Todespilot!“, liest man. „Der Absturz des Journalismus“ titelte BILDblog folgerichtig.

Eigentlich wollte ich noch viel mehr zur Berichterstattung rund um den Germanwings-Absturz schreiben. Warum ich mich zunehmend schäme, Journalist zu sein. Warum ich überlege, nach nur einigen Jahren in diesem Beruf das Handtuch zu werfen, weil selbst PR für ein Rüstungsunternehmen aufrichtiger wäre. Weil es mir zutiefst widerstrebt meine Menschlichkeit auf der Strecke zu lassen, nur für ein paar Klicks, nur für ein gutes Bild. Die Welt ist schlecht genug, ich will nicht dazu beitragen, indem ich von Haus zu Haus renne, klingle, und mir Vorgesetzte sagen, das machen Reporter so.

Chapeau, Herr Busch!

Ich schlafe schlecht. Nicht nur wegen dem Medien-Schund, aber er trägt dazu bei. Ich bin abends oft todmüde, viel zu früh, weil mein Tag auch davon geprägt ist, dass ich mich aufrege über viele Redaktionen, über den Verfall der Moral, darüber, dass Sätze wie „Be first, but first, be sure“ nicht mehr zählen sollen und der Journalist nicht mehr berichtet, sondern Entertainment macht. Blut und Tränen gehen immer. Ines Pohl, ausgerechnet die taz-Chefredakteuren, von meiner politischen Linie weiter entfernt als die meisten, brachte es auf den Punk. Für ihre Aufrichtigkeit wurde sie kritisiert, während die Betroffenheits-Heuchelei zelebriert wurde. Zelebriert und das Ereignis ausgeschlachtet. Es ist eine Schande. Nennt mich bitte Nestbeschmutzer!

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„Ich schäme mich, Journalist zu sein“

Michael Busch, Vorsitzender des Bayerischen Journalistenverbandes, hat ein Statement auf Facebook veröffentlicht, dass ich gerne hier publiziere. Ich denke, das ist in Ordnung für ihn. Chapeau!, habe ich gedacht, als ich es gelesen habe. Es ist ehrlich. Und doch so selten.

Es gibt Tage, da schäme ich mich Journalist zu sein. Heute ist so ein Tag. Pressekodex, die Würde des Menschen, Rücksicht auf die Opfer, Rücksicht auf die Familien der Opfer, ja, auch Rücksicht auf die Familie des vermeintlichen Täters – all das spielt keine Rolle.

Es gibt Tage, da schäme ich mich Journalist zu sein. Heute ist so ein Tag. Die Schnelligkeit der Berichterstattung, das Bedürfnis schneller als alle anderen zu sein, führt dazu, dass die Menschlichkeit verliert. Die Tragödie wird zum elenden Schauspiel, die Nachricht spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Es gibt Tage, da schäme ich mich Journalist zu sein. Heute ist so ein Tag. Klickzahlen und Einschaltquoten zählen, und am Ende der Gewinn, den die Führungskräfte der Medien sich versprechen. Gewinn, der durch Unmenschlichkeit teuer erkauft wurde.

Es gibt Tage, da schäme ich mich Journalist zu sein. Heute ist so ein Tag. Und es wird nicht der letzte Tag dieser Art sein – befürchte ich. Die Rufe, dass wir innehalten müssen, um unser Handeln genauer zu betrachten, verhallen ungehört.

Ich weiß, es sind nicht alle, aber es sind zuviele, die da mitmachen. Ich weiß, dass die Kolleginnen und Kollegen vor Ort meist das Endglied einer langen Kette sind und ihren Job riskieren, wenn sie nicht liefern, was angefordert wurde.

Ich mag nicht lamentieren, aber ich mag stolz auf unsere Gilde sein. Ich bin stolz auf jede Kollegin und jeden Kollegen, der den Versuchungen widersteht und einen sauberen Journalismus praktiziert. Diese Menschen haben es in der Hand, uns Journalisten glaubwürdig zu machen.

Ich kann die Kolleginnen und Kollegen nur auffordern, den Pressekodex zu achten und damit eine menschliche Einstellung. Damit die Tage, an denen wir uns schämen müssen, weniger werden. #‎4U9525‬

Letzte Chance, vielleicht

Auch ich schäme mich. Doch vielleicht hilft Michael Busch mir mit seinem Statement, dass ich dem Journalismus noch eine Chance gebe. Vielleicht ist es die letzte.

Bildquelle: Screenshot Lufthansa / Germanwings

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3 Gedanken zu “„Moral im Sinkflug“ oder „Der Absturz des Journalismus“

  1. Pingback: 4U 9525 und die Medien - Ein Rant

  2. Sich am Leid von Betroffenen aufzugeilen, vielleicht um das eigene verkorkste Leben für einen kurzen Augenblick zu vergessen, finde ich einfach nur beschämend. Dein Text finde ich super geschrieben und danke für deine offnen und ehrlichen Worte. You did a great job!

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