„Eine feige Gesellschaft empört sich gern“ oder „Von Heuchlern und Denunzianten“

The_Scream

„Ich sitze in einer Maschine von United Airlines, 30.000 Fuß über der Erde und weine vor lauter Demütigung durch Diskriminierung.“ So dramatisch beginnt ein Facebook-Post von Tahera Ahmad, ihrerseits Kaplanin für interkonfessionellen Dialog an der Northwestern University in Chicago. Über diesen Post, der so dramatisch beginnt, über diese Geschichte über den Wolken, berichteten zunächst viele englischsprachige Medien, seit heute auch die NZZ, Welt Online und Spiegel Online, um eine Auswahl zu nennen. Tahera Ahmad fühlt sich als Muslima diskriminiert: wegen einer Cola-Dose.

Ahmad schreibt: „Sie (die Stewardess) brachte mir eine geöffnete Dose, aus hygienischen Gründen bat ich um eine ungeöffnete. Sie sagte, dass niemand daraus getrunken hätte, doch ich bestand auf einer ungeöffneten Dose. Sie antwortete: Tut mir leid, ich kann Ihnen keine ungeöffnete Dose bringen, also leider keine Diät Cola für Sie.“ Dem Mann neben mir reichte sie aber eine UNGEÖFFNETE Dose Bier. Also fragte ich sie noch einmal, warum sie sich weigert, mir eine UNGEÖFFNETE Dose zu reichen. Sie sagte: „Wir dürfen niemandem eine ungeöffnete Dose geben, da diese als WAFFE missbraucht werden könnten.“ Also sagte ich ihr, dass sie mich eindeutig diskriminiert, weil sie dem Mann neben mir eine ungeöffnete Dose gegeben hatte. Sie sah zu seiner Dose, schnappte sie schnell, öffnete sie und sagte „Damit Sie sie nicht als Waffe verwenden.“ Und die Aufregung ist groß.

Kein Tag vergeht, an dem ich nicht mit einem Artikel, einem Beitrag oder einem Video konfrontiert werde, in denen Diskriminierung, Rassismus oder Sexismus thematisiert werden. An den seltensten Tagen ist es nur ein Artikel, ein Beitrag oder ein Video. Ich habe vergange Woche erst über die Uni-Passau und ihre bigotte Praxis rund um eine angebliche Gleichstellung geschrieben. Und die Medien stellten sich brav die Frage, ob Fensterln nicht sexistisch sei.

Totengräber und Leichenschänder

Bei Tahera Ahmad wiederum wird die Frage gar nicht mehr gestellt, ob es wirklich Diskriminierung war. Man berichtet blind, erzählt ihre Version der Geschichte. Und keines dieser Medien, von The Guardian bis Welt Online, hat sich auch nur für einen Moment die Frage gestellt, ob es nicht wirklich Wichtigeres auf der Welt gibt, als eine vielleicht (!) durch eine ungeöffnete Cola-Dose diskriminierte Muslimin irgendwo in 30.000 Meter Höhe. Nein, sagen sich da viele, das sei skandalös, unfassbar, traurig, alle müssen Ahmads Geschichte kennen. Und so brüllen die Totengräber der kritischen Reflexion, die Leichenschänder der Vernunft im Chor den „Skandal“! Taher Ahmad selbst will ich gar keinen Vorwurf machen.

Was aber, wenn diese militante Hypersensibilisierung rund um „Toleranz“ auf Dauer in das Gegenteil umschlägt? Was, wenn richtige Probleme zwischen den hochgebauschten Verdachts-Artikeln untergehen? Was, wenn wir irgendwann gar nicht mehr in der Lage sind, wirkliche Diskriminierung, real-existierenden Sexismus oder wirklichen Rassismus wahrzunehmen, weil engstirnige Gleichstellungs-Beauftragte und linke Skandal-Journalisten in den vergangenen Jahren so abscheulich inflationär mit diesen Begriffen umgegangen sind, dass wir sie einfach nicht mehr hören – geschweige denn – uns mit ihnen beschäftigen wollen?

Sklaverei und Bier

Das Schlimmste ist, dass jene, die für sich beanspruchen, Rassismus aufzuspüren und zu bekämpfen (und wenn es nur auf Facebook ist), gar nicht mehr wissen, was Rassismus, was Kolonialzeit, Sklaverei, ethnische Säuberungen überhaupt bedeuten. Also wollen sie den Bayern verbieten einen „Russn“ zu bestellen, streichen den Begriff „Neger“ aus der klassischen Literatur und verbannen das „Zigeuner-Schnitzel“ von der Speisenkarte.

Abends schlafen sie dann mit einem Lächeln in ihrem Ikea-Bett ein, weil sie die Welt – wie sie glauben – mal wieder ein Stück besser, ein Stück gleicher gemacht haben. Obwohl sie ethnische Säuberungen und den Namen eines Biermischgetränks in einen Topf werfen. Sie schlafen tief und warm in ihrer Selbstgerechtigkeit. Anderswo fliehen unterdessen ganze Völker vor Genoziden, anderswo schlagen sich Sunniten und Schiiten mal wieder die Köpfe ein, anderswo werden Christen wieder zunehmend verfolgt. Kirchen brennen, Moscheen auch.

Das Schlimmste ist, sie wissen auch nicht, was wirklicher Sexismus, wahres Patriarchat, kein Wahlrecht für Frauen, Zwangsheirat und Unterdrückung bedeuten. Also schaffen sie Info-Tage nur für Frauen oder Frauen-Parkplätze, fordern, dass Frauenfußball den gleichen Stellenwert wie Männerfußball bekommt, schreien, dass es nicht sein kann, dass eine Chefetage manchmal eben nur aus Männern besteht, und sie verdammen das Fensterln als sexistisch – oder ein Geschlecht als Erfindung der Gesellschaft.

Abends schlafen sie in ihrem Wasserbett mit einem Lächeln ein, weil sie nach vielen Monaten der Grübelei endlich eine Antwort auf die Frage gefunden haben, ob Blowjobs nicht doch die Unterwerfung unter das Patriarchat bedeuten. Unterdessen werden anderswo zehnjährige Mädchen auf den Kinderstrich geschickt, um brav ihren Soll zu tun, wenn es der Herr befiehlt. Und Millionen von Frauen werden verstümmelt, weil die Klitoris nur Teufelswerk ist, der weibliche Orgasmus Sünde.

Bikini-Werbung und Beschneidung von Mädchen

Wir sind egoistisch, echauffieren uns schnappatmend lieber über kleine Befindlichkeiten, nicht über die großen Dinge, die wahren Probleme dieser Welt. Keiner dieser selbsternannten Heilsbringer, Männlein wie Weiblein, hat den Mut seinen Arsch für Frauenrechte in Ruanda zu riskieren, im Nordirak gegen den Rassismus zu kämpfen, in Syrien brennende Kirchen zu löschen. Heuchler und Scheinheilige sind wir geworden, die anderen lieber das Wort im Mund umdrehen als auch nur einmal einzugestehen, dass wir falsch liegen. Denunzianten und Verräter sind wir geworden, die nur nach dem nächsten Skandal dürsten, danach, dass andere scheitern, ausgebuht werden, und wir gewinnen.

Bikini-Werbung nennen wir sexistisch, über eine halbnackte italienische Fußballmannschaft aber schmunzeln wir, oder suchen uns den heißesten Waschbrettbauch raus. Wir wollen Gleichberechtigung und fordern ausgerechnet eine Frauenquote, wir wollen uns alle sexuell entfalten, nur um am Ende daran zu zerbrechen. Wir wollen unabhängig und frei sein, um jeden Preis. So machen wir uns zu Sklaven unserer verzerrten Selbstbilder und stoßen wie in Rage alles von uns weg, was Harmonie bedeutet. Wir sind so peinlich geworden, dass wir sogar wegen einer Cola-Dose streiten.

 

 

Advertisements

3 Gedanken zu “„Eine feige Gesellschaft empört sich gern“ oder „Von Heuchlern und Denunzianten“

  1. Meine Hochachtung, Sie bringen meine Gedanken genau auf den Punkt.
    Nur, was wenn sich die ganze Medienlandschaft immer weiter in den Allerwertesten von Pseudobetroffenen flüchtet?

    Grüße
    Patrick

    • Danke für den positiven Kommentar. Ich kann Ihnen zumindest versprechen, dass ich mich in keine Hintern flüchten werde. Und, gott sei Dank, gibt es auch unter den Kollegen noch sehr viele aufrichtige Journalisten, denen es weniger um Skandale denn um Aufklärung geht. Aber wie es häufig so ist, wird eben derjenige leichter gehört, der am lautesten schreit. Hoffen wir auf eine gute Medien-Zukunft und einen Fortbestand der journalistischen Werte. Lg, Ben Krischke

  2. Pingback: Wir wollen die Namen der Betreiber der Hetz-Seiten | stopptdielinken.org

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s