„Frauen-Fußball und die Aufmerksamkeit“ oder „Wie eine Autorin die Schuld im Patriarchat erkennt“

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Manchmal schweifen meine Gedanken in die Ferne, der Geruch von gemähtem Rasen und durchgeschwitztem Polyester kehrt wieder zurück. Dann kann ich sie noch hören, unserer Anhänger und die Schreie der Feinde, als wir sie überrannten in dieser großartigen Saison, in der ich 21 Tore schoss. Die Tränen der anderen, wenn wir sie zertrampelten wie Unkraut und ihre Knochen brachen, als wären es nur dünne Zweige. Kleinfeld. Sieben gegen Sieben. Der süße Duft des Sieges, die feiernden Massen, der geschlagene Gegner, das Blut und die Tränen der anderen. Kein Mitleid, keine Gefangene. Ja, so war das damals in der D-Jugend. Dann kam die Pubertät, Mädchen und Bier.

Sie ist schon ein bisschen her, meine aktive Zeit. Doch mit der gleichen Leidenschaft mit der ich damals in den weißen Adidas-Schuhen, Schuhgröße 35, auflief, bin ich heute Beobachter. Das Finale Dahoam. Grauenhaft. Das deutsch-deutsche Finale in Wembley. 87. Minute. Arjen Robben schiebt die Pille ganz sanft an Weidenfeller vorbei, als streiche er seinem Kind durch’s Haar. Reinste Euphorie. Fußball, die schönste Nebensache der Welt. Eigentlich eine Hauptsache.

Nicht nur Muskeln, sondern auch Köpfchen

Dieses Blog gibt es jetzt schon ein gutes Jahr, deshalb war ich heute selbst ein bisschen überrascht, dass ich zwar viel über Frauenquote und Sexismus-Debatte geschrieben habe, aber noch nie über Frauenfußball, obwohl das Thema natürlich auf der Hand liegt. Bis heute. Bis jetzt. Bis ich heute Vormittag den Artikel „Warum Frauenfußball immer besser wird“ auf der Online-Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung las. Und mich wunderte. Sehr sogar.

Im Artikel versucht die Autorin, Antworten darauf zu finden, warum Frauenfußall nicht die selbe Begeisterung auslöst wie das männliche Pendant. Und sie will Gründe liefern, warum man Frauenfußball anschauen sollte. Auch, wenn man normalerweise nur Männerfußball guckt. Dass ein solcher Artikel ausgerechnet von einer Frau aus dem Politik-Ressort geschrieben wird und nicht etwa von einem Mann aus dem Sport-Ressort sei hier als kleine Randnotiz erwähnt. Zwar gesteht Autorin Friederike Böge ein, dass Männer natürlich schneller und athletischer sind als Frauen. Was eigentlich nichts anderes bedeutet, als dass Männerfußball auf einem ganz anderen Niveau angesiedelt ist. Ja, fast in einem anderen Universum. Damit wäre die Kolumne eigentlich schon fertig gewesen und von der sportaffinen Leserschaft mit dem Prädikat „Richtig und pädagogisch wertvoll“ ausgestattet worden. Denkste.

Denn Böge gibt auch zu bedenken: „Aber natürlich braucht man beim Fußball nicht nur Muskeln, sondern auch Köpfchen. Denn man muss sich ja überlegen, wie man  den Ball am besten an den gegnerischen Spielern  vorbei bis ins Tor bekommt. Zum Beispiel muss man dafür die Schwächen der Gegner kennen und ausnutzen. So was nennt man Taktik, und das können Frauen natürlich genauso gut wie Männer. Außerdem muss man gut mit dem Ball umgehen können. Das können wiederum die am besten, die ganz viel üben und schon geübt haben, als sie noch klein waren.“

Wie erklär ich’s meinem Kind?

Die etwas seltsame Schreibweise hat einen guten Grund. Der Artikel ist Teil der FAZ.net-Kolumne „Wie erklär ich’s meinem Kind.“ Hier habe ich also erst einmal nichts zu meckern. Ja, eigentlich habe ich grundsätzlich nichts daran auszusetzen, dass man versucht, ein bisschen Werbung für den Frauenfußball zu machen. Wenn unsere Mädels in Kanada für ihr Land Gas geben, vielleicht den Titel holen, dann ist das doch eine ziemlich gute Sache. Ganz zu schweigen von der norwegischen Nationalmannschaft und vereinzelten anderen Spielerinnen, die auch ganz hübsch anzusehen sind.

Ich war bei der Lektüre der ersten Absätze schon fast daran zu sagen „Hey, das ist ja echt nett erklärt von der netten Tante Friederike“. Und dann kam doch noch der Schlag gegen das böse Patriarchat, das den Frauenfußball klein hält: „Warum aber reden dann trotzdem so viele Leute schlecht über den Frauenfußball, nicht aber über Frauen, die eine andere Sportart ausüben? Das liegt daran, dass diese Leute  ihren Männerfußball so sehr lieben, dass er für sie nicht  nur ein Spiel ist, sondern viel damit zu tun hat, was es bedeutet, ein richtiger Mann zu sein.  Wenn aber auch Frauen Fußball spielen, funktioniert das nicht mehr so gut.“ Weiter unten scheut sich die Autorin dann auch nicht, den – aus ihrer Sicht – wohl latenten Sexismus im deutschen Fußball mit einen Exkurs nach Anno dazumal zu untermauern. „Vor sechzig Jahren nämlich hat der Deutsche Fußballbund (DFB) den Vereinen verboten Frauenfußball anzubieten. Der Fußball, haben die gesagt, sei eine Kampfsportart, die ,der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd ist‘. Manche Frauen haben gerade deshalb Fußball gespielt, weil sie sich nichts verbieten lassen wollten. Aus Trotz also.  Und da waren die anderen Leute dann sauer.“

Potzblitz. Zugegeben, beim „Natur des Weibes“-Zitat musste ich ein wenig schmunzeln und fühlte mich erinnert an den letzten echten Kerl im deutschen Fußball, Mario Basler. Der hat einmal gesagt: „Schlimmer als Sommerpause ist nur Frauenfußball“. Die Zeiten haben sich tatsächlich geändert, aber auf dem Niveau des männlichen Profi-Fußballs werden die Damen leider auch in hundert Jahren nicht spielen. Athletik und Schnelligkeit, ihr erinnert Euch. Daran könnten auch das böse Patriarchat und der sexistische DFB nichts ändern, wenn sie wollten.

Von der Tante umgegrätscht

Ich habe mir gestern das Spiel Deutschland gegen Norwegen angesehen und die erste Halbzeit China gegen Kanada. Ich durfte feststellen, dass das reine Ansehen eines Damen-Fußballspiels glücklicherweise nicht dazu geführt hat, dass mein Mannsein-Gefühl „nicht mehr so gut funktioniert“ hat, was die Autorin ja behauptet. Und ich habe mich auch nicht dabei ertappt, dass es mich „sauer“ gemacht hätte, dass sich Frauen erdreisten, Fußball zu spielen.

Mein Puls war ganz ruhig, mein Sofa bequem und beim ersten groben Foul fühlte ich mich – Frauenfußball hin oder her – wieder an die blutigen, epochalen Kämpfe in der D-Jugend-Arena erinnert. Und daran, dass wir einmal gegen unsere Mütter gespielt hatten. Meine Tante verpasste mir sogar eine richtig böse Grätsche, von hinten, Zack, in die Haxen. Doch am Ende gewannen wir, die neunjährigen Jungs. Ach, Friederike Böge von der FAZ, wärst Du doch nur dabei gewesen.

Bildquelle: wikipedia.org unter CC-BY-SA / Blondinrikard

 

 

 

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