Bernd und das Leben – eine Kurzgeschichte

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Diese Geschichte erschien erstmals auf mixedmunichart.wordpress.com

Struktur war ihm wichtig. Kaffee schwarz, zwei Zucker, keine Milch. Er mochte es nicht, wenn die Krawatte nicht richtig saß. Vor dem Spiegel stand er nur selten. Wahre Schönheit kommt von innen, dachte er und vergaß die Körperpflege manchmal. Er war Bankangestellter, nicht aus Passion, sondern der Sicherheit geschuldet. Er liebte seine Arbeit, die zumeist darin bestand Kredite zu bewilligen oder abzulehnen.

Weil er in einem kleinen Dorf mit weniger als 2000 Menschen lebte (ein Wachstum von bis zu über 2000 Bewohnern hatte der Bürgermeister glücklicherweise bereits verkündet) bewilligte er die meisten Kredite, Bedenken hin oder her. „Die Gemeinschaft muss zusammenhalten“, sagte er dann ohne zu lächeln.

Er liebte seine Arbeit. Aber nicht wegen der Arbeit an sich. 9 bis 12 Uhr von Montag bis Mittwoch. 9 bis 15 Uhr am Donnerstag. Seine Mittagspause verbrachte er stets im Cafe Gold nebenan. Genau 58 Minuten. Eine Minute hin und eine zurück. Und freitags hatte er immer frei.

Freizeit war ihm wichtig, auch wenn er die freie Zeit meist dazu nutzte, nichts aus der freien Zeit zu machen, außer nachzusehen, ob seine Petersilie – die er Marie getauft hatte – wächst und gedeiht. Wie in diesen Magazinen, in denen jedes Foto auch eine Sonne zeigt und die Petersilie wächst und gedeiht. „Alles muss wachsen und gedeihen“, dachte er. Auch die Liebe.

Stella war seine Königin. Jung, schlank, brünett und käuflich. 17 Minuten, manchmal auch 19 Minuten, verbrachte er in ihrem rosa Bett. 30 Minuten insgesamt, weshalb ihm stets 13 Minuten, manchmal auch nur 11, blieben, um ihr zu erzählen, welche Kredite er bewilligte und welche nicht. Stella hörte stets geduldig zu. Manchmal riet sie ihm auch, nicht so viele Kredite zu bewilligen. „Mach Dir keine Sorgen um mich“ sagte er dann. Bis die Uhr ablief und er sich ganz altmodisch mit einem Handkuss verabschiedete aus diesem tristen grauen Wohnblock auf dem Land.

Einmal dachte er gar darüber nach wie es wohl wäre, das Gebäude in einem dezenten Orange oder einem warmen Rot zu streichen. Den Gedanken verwarf er aber schnell wieder. „Es ist wie es ist und das ist auch gut so“, dachte er an diesem Sonntag und ging zurück in seinen Garten  mit dem alten Plastikstuhl, den er extra mit einer quadratisch gemusterten Decke dekoriert hatte. Und während er seine Kräuter streichelte als liebkoste er Stellas langes braunes Haar, wusste er, dass es die kleinen Dinge im Leben sind. Die kleinen Dinge sind schön. Das Leben auch. Und die Petersilie wächst und gedeiht.

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