„Lucke dankt ab“ oder „Vom Feindbild AfD – ein Rückblick“

lucke

Lucke dankt ab. Vorerst zumindest. Seit der Gründung der AfD war er das Aushängeschild dieser neuen konservativen Partei. Die AfD, der Euro-Skepsis entstiegen, nach dem Betreten der neuen Welt kurzzeitig mit Orientierungsproblemen und schließlich mit der Mission, sich rechts von der – so sagen es manche – weit nach links gerückten CDU zu positionieren. Konservativ, rechts von den Christdemokraten: Eine heikle Mission. Politisches Kamikaze, wenn man so will. Vorwürfe wie „Deutschtümelei“, wenig überraschend, gehörten in der Folge noch zu den harmlosesten Kritikpunkten an der Alternative für Deutschland. Kritikpunkt, sagen die einen. Denunzierung und Nazi-Keule, sagen die anderen. Die Wahrheit liegt wohl – wie so oft – irgendwo dazwischen.

Die Berichterstattung über die AfD und Bernd Lucke stimmte erschreckend schnell in ein und denselben Tenor ein. Zu befremdlich war es, dass eine Partei auf der politischen Bühne erscheint und sich ganz offiziell, ganz selbtbewusst als konservativ outet. „Ich bin ein Konservativer“, das ist so ein Satz, der im Deutschland des 21. Jahrhunderts ein so gigantisches Skandal- und Empörungs-Potential in sich trägt wie es im 19. Jahrhundert nur der Satz „Ich bin schwul“ gekonnt hätte. Doch der AfD war auch das egal. Noch so eine Frechheit.

Der tut doch bloß so

Ich kann mich sehr gut an ein Portrait über Bernd Lucke im SPIEGEL erinnern. Der AfD-Gründer hatte die Reporter sogar zu sich nach Hause eingeladen. Freundlich sei er, schrieb der Autor, höflich, ein guter Gesprächspartner, der seine Worte überlegt wähle. Am Ende kam der gleiche Reporter zu dem Schluss: Aber der tut bestimmt bloß so.

Ich selbst habe Lucke zwar nie getroffen, aber immerhin Björn Höcke, der für viele Journalisten und Laien-Kommentatoren zum rechten Flügel der AfD zählt, der also noch viel rechter und konservativer sein soll, als es Lucke in drei Leben hätte werden können. Als Höcke in einem Tübinger Café von „preußischen Tugenden“ sprach, da mutete das, natürlich, etwas befremdlich an. Ich bin Jahrgang 1986, bis vor einigen Jahren war ein Preuße für mich noch ein Synonym für „Nicht aus Bayern“.

Das Gespräch mit Höcke verlief trotzdem sehr gut, sehr freundlich, manchmal lachten wir sogar, auch Höcke machte auf mich dabei nie den Eindruck, er sei eigentlich irgendwas, was man im weitesten Sinne als „Nazi“ brandmarken könnte. Er ist eben konservativ, mit allen Konsequenzen, samt Debatten über Zuwanderung und „Ehe für alle“, die damit einhergehen. Wer würde schon einem Linken vorwerfen, dass er Hammer und Sichel an der Wand hängen hat? Oder einer Grünen, dass sie ihr Auto mit einem „Atomkraft? Nein Danke!“-Aufkleber verziert? Oder einem FDP-Mitglied, das für freie Marktwirtschaft eintritt, koste es, was es wolle? Deshalb ist der Linke noch kein Stalinist, der Grüne noch kein radikaler Hippie, das FDP-Mitglied kein Unmensch.

Bernd, Thilo, Rainer

Bemerkenswert auch: Niemand wäre jemals auf die Idee gekommen, die SPD als Nazi-Partei zu stempeln, obwohl ein Thilo Sarrazin von vielen Linken als eben solcher angefeindet wurde. Zu recht. Es wäre auch niemals jemand auf die Idee gekommen, die FDP als sexistische Partei zu bezeichnen, nur weil eine Laura Himmelreich vom stern genau diesen Sexismus einem Rainer Brüderle vorgeworfen hatte. Zu recht. Und wer käme schon auf die Idee, die Linke als stalinistische Partei zu geiseln, nur weil es in ihren Reihen immer noch alte SED-Kader gibt, die immer noch glauben, der Kommunismus sei eigentlich eine durch und durch romantische, menschenliebende Ideologie? Kein Kommentar. Aber warum war das bei der AfD und dem Nazi-Vorwurf so ganz anders?

„Wir wissen, dass Menschen von einem unerschütterlichen Glauben an eine Überzeugung, und sei sie noch so absurd, erfüllt sein können, wenn sie darin in einer Gruppe Gleichgesinnter bestärkt werden“, schreibt der Psychologe Daniel Kahnemann. Menschen gehen dann nicht mehr ruhig in sich und überdenken eine vermeintliche Wahrheit noch einmal. Im Gegenteil: Sie heizen sich gegenseitig auf. Eine Gruppendynamik, die dazu führt, dass eine Behauptung nur eine gewisse Popularität erreichen muss, damit ihr Wahrheitsgehalt keine Rolle mehr spielt. Lassen wir das an dieser Stelle einfach so stehen.

Ob man ihn mochte, oder nicht

Es liegt mir fern, die AfD oder einen Bernd Lucke in Schutz zu nehmen. Ich muss mir im Zuge seines Abschieds auch keine Träne verdrücken. So ist die Welt eben. Am Ende gewinnt der eine auch deshalb, weil ein anderer gleichzeitig verliert. Aber man hätte im Umgang mit Luckes AfD zumindest versuchen können, sich unvoreingenommen erklären zu lassen, welche Bedenken ein Bernd Lucke bei der deutschen Asyl-Politik hat oder was er im Detail meint, wenn er sagt, dass Hartz IV für alle Zuwanderer eine Katastrophe für das Land wäre. Als konservativer Ökonom, der er ist, nicht als linker Humanist, dem eine Öffentlichkeit applaudiert hätte. Und darin liegt wohl Luckes größter Fehler, einer, der ihm am Ende vielleicht seine gesamte politische Karriere gekostet hat: Bernd Lucke ist immer Bernd Lucke geblieben. Ob man ihn mochte, oder nicht.

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