„Der Kasperl und die Kanzlerin“ oder „Der kritische Journalismus schafft sich ab“

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Kinder, seid ihr alle da? Jaaaaaaaa! Was für ein Getue. Ein Youtuber trifft die Kanzlerin zu einem weichgespülten Interview und Deutschland findet sich in den sozialen Medien zusammen, um flächendeckend zu bewerten, ob dieser Florian Mundt, „Künstlername“ LeFloid, seinen Job gut oder schlecht gemacht hat. Sogar der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) fühlt sich in der Verantwortung das Gesehene zu hinterfragen und postet auf Facebook „Der Youtube-Star LeFloid hat seine Chance, Angela Merkel kritisch zu hinterfragen, leider vertan. Das Videointerview mit der Kanzlerin war nicht mehr als eine gut inszenierte PR-Show.“ Mit journalistischen Maßstäben versucht der Verband etwas zu bewerten, das man mit journalistischen Maßstäben überhaupt gar nicht bewerten kann. Auch nicht in Zeiten von Facebook und Co., in denen sich sogar Sonderschüler berufen fühlen, plötzlich Blogger zu werden.

An dieser Stelle kann man besten Gewissens Wikipedia bemühen, um sich die Privatperson Florian Mundt genauer anzusehen, abseits von seinem an ADS grenzenden Alter Ego: „Zurzeit studiert Mundt an der Berliner Humboldt-Universität Psychologie und Rehabilitationspädagogik, wobei er sich auf Kinder, Jugendliche und Sprachstörungen spezialisiert“, heißt es dort über den 27-jährigen. Anders formuliert: Ein besserer Kindergärtner mimt den Reporter. Und das ist kaum despektierlich gemeint. Im Gegenteil: Was wäre diese Gesellschaft nur ohne ihre Kindergärtner. Aber bitte, ihr guten Menschen, bleibt bei euren Kleinsten.

Erfolgreicher Kasperl

Tatsächlich geht es mir auch gar nicht so sehr um LeFloid. So erfolgreich er mit seinen Kasperl-Auftritten auch sein mag, würde diese Gesellschaft sicherlich nicht an einem Mangelgefühl zu Grunde gehen, wenn er von heute auf morgen beschließt, sich endlich voll und ganz auf seine Jugendlichen mit Sprachstörungen zu konzentrieren. Und die paar Pubertäts-Tränchen, die bei einem solchen Abschied fließen würden: geschenkt. Nein, um LeFloid geht es nicht. Er hat seinen Bekanntheitsgrad bei denen gesteigert, die noch vor der Jahrtausenwende geboren wurden. Gleichzeitig konnte die Kanzlerin Werbung für sich und die Union bei den 9- bis 15-Jährigen machen. Deutschlands Generationen wachsen zusammen. Und das ausgerechnet dank des „Neulands“ Internet. Wie schön.

Merkel
Die entscheidende Frage ist eigentlich: Warum zum Teufel bekommt LeFloid ein 30 Minuten langes Interview mit der Bundeskanzlerin, das viele Redaktionen und Journalisten auch gerne hätten? Die Antwort: Der kritische Journalismus schafft sich ab und momentan sieht es leider nicht danach aus, als könne man den Sensenmann auf den letzten 100 Metern noch einholen. Die tödliche Krankheit heißt „Klicks generieren“. Und mit der haben wir uns an der Nadel des digitalen Aufbruchs, dumm wie wir sind, selbst infiziert.

Paranoia und Sexismus

Durch schrumpfende Redaktionen ebenso wie anderswo durch Empörungs-Journalismus und einseitige Berichterstattung. Und durch Diskussionen, die längst keine Debatten mehr sind, weil wir jede abweichende Meinung schon im Keim mit Sätzen wie „Der Islam ist eine friedliche Religion“ und dem an Paranoia grenzenden Kampf gegen Seximus, Homophobie und Rassismus ersticken. Und wenn selbst in den großen Medien keine ordentlichen Debatten mehr geführt werden, weil Rationalität nicht mehr auf der Agenda steht, warum irgendwelchen Journalisten überhaupt noch Interviews geben? Ist es doch viel einfacher, Wahlkampf auf Youtube zu machen. Ein LeFloid allein hat schon über 2,6 Millionen Follower.

Bildquelle: Screenshot / Youtube.com/user/lefloid

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