„Die Huffington Post hat ihren Tiefpunkt erreicht“ oder „Das Ende der Loyalität“

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Wie weit geht eigentlich Loyalität? Im Freundeskreis, bei engen Freunden zumindest, scheint sie manchmal grenzenlos. Ein Abend im Club. Vodka fließt. Streit an der Bar. Der Freund hat den Streit begonnen, der Fremde kann wenig dafür. Trotzdem bleibt man seinen Farben treu. Mit der Faust, wenn es denn sein muss. Besser indem man Streit schlichtet, wenn es denn geht. Gute Freunde stürzen sich ins Getümmel, beste Freunde scheuen nicht davor zurück, den anderen nach dem Gerangel auch die Leviten zu lesen. Ihm zu sagen: Das geht so nicht, ganz und gar nicht. Auch dafür sind Freunde da. Und keiner wird es einem übel nehmen, wenn er fähig ist, kritisch über das eigene Handeln zu reflektieren. Zwei Bier, bitte. Prost. Alles wieder gut.

Im Kreis der Kollegen allerdings, die die gleichen Farben tragen, wird es schwieriger mit der Kritik. Mit diesem Blog habe ich mich schon einige Male aus dem Fenster gelehnt. Nicht des Streits willen, wie eine dumme Provokation an der Bar. Sondern weil ich für mich journalistische Werte definiert habe, die ich verteidigen will, weil ich für mich das Gefühl habe, dass ich es muss. Das lässt mich ruhig schlafen. Aber noch viel wichtiger: es lässt mich aufrichtig bleiben. Schwierig genug in der heutigen Zeit.

Neue Abgründe

Die Medien-Branche hetzt der Digitalisierung hinterher. Redaktionen bedienen sich Mitteln, für die man vor 20 Jahren – vorausgesetzt man arbeitete bei einem sogenannten Qualitätsmedium – seinen Job risikiert hätte. Heute verstoßen sogar Qualitätsmedien, die sich selbst zumindest so oder so ähnlich definieren, bewusst gegen die Moral.

Berichterstattung weicht der Kampagne. Diskussion der Empörung. Der seit Wochen tosendlaute Flüchtlingsstreit im Netz – Streit, nicht Diskussion, lange nicht mehr – bringt Abgründe zu Tage, die man im Journalismus – abseits von Bild und Co – so noch nicht kannte. Gut ist, wer dafür ist, schlecht, wer dagegen. Rassismus-Vorwürfe, wo es eigentlich nur um Angst geht. Hetze gegen alles und jeden. Von beiden Seiten, immer wieder.

Jeder scheint den Drang zu haben, sich zu positionieren. Auf eine Seite zu schlagen. Die Mitte, die wahren Demokraten, der wahre Demokratie-Gedanke, bleibt zurück. Siecht alleine vor sich hin. Ist traurig. Fühlt sich wie ein Verletzter im Straßengraben, an dem ein Auto nach dem anderen vorbei rast. Nicht böswillig. Sondern weil die Damen und Herren, die Redakteure, hinter dem Steuer so schnell unterwegs sind, so auf ein Ziel fokussiert, dass sie vor lauter Geschwindigkeits-Rausch sonst nichts mehr wahrnehmen. Tunnelblick.

Skandal und Wut im Bauch

Habe ich mich aufgeregt die vergangenen Wochen. Immer wieder. Über Begriffe wie Nazi, Rassist, braunes Gedankengut, homophob, Ewiggestrige, die so inflationär verwendet werden, dass wir – bei allen Problemen auf der Welt – tagelang darüber debattieren, ob der Neger in einem Kinderbuch noch Neger genannt werden darf. Das scheint uns tatsächlich zu beschäftigen. Empörungs-Entertainment.  Skandal. Ich mittendrin. Wut im Bauch.

„Was ist aus dem Zorn geworden? Ohne den Zorn hätte es keine Revolution gegeben, weder 1789 noch 1968“, las ich gestern. Ein Essay. Ich hoffe, der Autor hat recht. Ich hoffe die ganze Energie, die ich in den vergangenen Monaten in Wut investiert habe, zahlt sich aus. Vielleicht macht die Fähigkeit zur Wut einen auch erst zum Menschen. Vielleicht macht mich der folgende Absatz auch erst zum Demokraten und zu einem aufrichtigen Journalisten.

Viele Kampagnen zum Flüchtlingsstreit wurden die vergangenen Wochen gefahren. Die Redaktionen klopften sich regelmäßig anerkennend auf die eigenen Schultern. Haben wir gut gemacht. Wir sind die Guten, die anderen die Bösen. Man glaubt sich mutig, wenn man sich gegen Rassismus ausspricht. Glaubt sich gute Menschen, wenn man andere denunziert. Die Speerspitze dieser selbstverliebten Redaktionsmasse nennt sich „Huffington Post“. Mit diesem Satz allein begebe ich mich auf dünnes Eis. Ganz dünn.

Wie weit muss Loyalität gehen?

Nicht nur, dass ich Menschen kenne, die dort arbeiten. Sogar Menschen sehr gern habe, die dort arbeiten, die fast wie Familie für mich sind. Nein, wir tragen auch noch die gleichen Farben. Wir arbeiten beide unter dem gleichen Verlags-Dach. Und das macht es eigentlich erst wirklich schwierig. Denn: Wie weit muss Loylität gehen?

Heute früh bin ich wirklich erschrocken. Schockiert trifft es sogar, völlig uninflationär verwendet. Die Huffington Post hat vor einiger Zeit eine Kampagne auf ihrer Seite gefahren „Willkommen, liebe Flüchtlinge“. 200 HuffPo-Leser heißen Flüchtlinge mit ihren Profilbildern willkommen. Alle natürlich. Kein Journalismus. Keine Objektivität. Kampagne. „Sei’s drum. Wenn sie meinen, sollen sie das machen“, habe ich gedacht. Mich nur kurz aufgeregt. Wirklich. Dann zurück zum Tagesgeschäft.

Doch heute früh bin ich wirklich erschrocken. War schockiert. Weil ein angeblich journalistisches Medium mit „Hassfratzen“ auf Klick-Jagd geht. Auffallen um jeden Preis, auch den Preis der Moral. Die Überschrift: „200 Deutsche riefen Flüchtlingen zu: „Willkommen!“ Jetzt zeigen wir die andere Seite: Hier sprechen die Hassfratzen.“ Hassfratzen. Auf das Wort muss man erstmal kommen. Ich habe für alle Fälle im Duden nachgesehen. Das Wort existiert gar nicht.

Die Huffington Post dreht ihre eigene Kampagne um.  Sie beschränkt sich auch nicht mehr auf Berichterstattung. Nein, jetzt macht die Redaktion mit Hilfe des Internets Jagd auf Privatpersonen. Sie haben sich von Beobachtern zu Tätern zu Hetzern entwickelt. Dazu haben die Kollegen eine Collage angefertigt, wie jene bei der „WIllkommen“-Kampagne. Mit Profilbildern. Groß genug, dass man die Gesichter erkennt. Diesmal allerdings ohne Einverständnis der Gezeigten. Sie zeigen 200 Menschen, die sie die „Hassfratzen“ nennen.  Unmöglich, dachte ich. Wir sind doch immer noch Journalisten. Doch möglich.

Der Presse-Kodex wird mit Füßen getreten

Mindestens zwei Ziffern des Presse-Kodex treten die HuffPo-Kollegen mit Füßen. Vielleicht mehr. Zumindest sehe ich das so. Ziffer 1: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse“. Ziffer 8: „bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung.“ Vielleicht Ziffer 11: „Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird.“ Das spreche ich übrigens nicht des Streits willen an, sonden weil es ganz offenstlich falsch ist, was hier passiert.

Die Huffington Post hat ihren Tiefpunkt im Asyl-Streit erreicht. Sie riskieren, dass Menschen wegen einer dummen Äußerung, einem dummen Kommentar zu Schaden kommen, weil jemand sie erkennt. Sie riskieren, dass Privatpersonen ihren Job verlieren, ihr Leben gegen die Wand fahren, nur weil sie im Asyl-Streit mal den Begriff „Parasit“ benutzt haben. Ist der Begriff in Ordnung? Ist er nicht! Darf man deshalb Menschen zu Freiwild erklären? Die Frage kann sich jeder Redakteur, jeder Mensch, selbst beantworten, der noch bei Verstand ist. Das alles ist der Redaktion aber egal. Sie gehen das Risiko bewusst ein, keine Frage. Huffington Post: Für Klicks gehen wir auch über Leichen – wenn’s hilft.

Bildquelle: Screenshot Huffington Post

 

 

 

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