„Der Fall Brenda Reimer“ oder „Vom Märchen anerzogener Geschlechter-Rollen“

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Die Hart aber Fair-Debatte unter anderem mit Anton Hofreiter, Grüne, und der Publizistin Birgitt Kelle zum Thema Gender Mainstreaming wurde bekanntlich wiederholt, nachdem sich irgendeine Organisation furchtbar echauffiert hatte. Als Argument für die Grünen und die – wie ich finde – in Diskussionen kaum erträgliche Jung-Feministin Anne Wizorek gilt bekanntlich: Das Geschlecht sei nur anerzogen. Ein Kollege hat mich auf diesen Beitrag der FAZ hingewiesen, aus dem Jahr 2006. Es geht um einen Jungen, dem die Mädchen-Rolle aufgestülpt wurde und der im Alter von 38 Jahren Selbstmord beging. Und um einen irren, realitätsfernen, offenbar pädophilen Psychiater, der von Menschen wie Alice Schwarzer gefeiert wird.

John Money, ein Psychiater vom Johns-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore, hat sich in den 60er und 70er Jahren einen Namen als Pionier des Gender Mainstreamings gemacht. Seine „Studien“ dienten Alice Schwarzer noch nach der Jahrtausendwende in als Beweise dafür, dass Geschlechter-Rollen nur anerzogen sind. Um den guten Herrn etwas mehr zu beleuchten, mal diese kurze Passage aus dem FAZ-Text.

In einer Zeit, in der die Behandlung solcher Angelegenheiten im Nachmittagsfernsehen noch nicht zum Alltag gehörte, sprach Money sich für Gruppensex und Bisexualität aus, er warb für sogenannte „fucking games“ von Kindern und ordnete auch extreme sexuelle Perversionen bis hin zum Lustmord als bloße „Paraphilien“ ein, als abweichende Vorlieben. In den achtziger Jahren nutzte Money seine weltweit erworbene Anerkennung als Sexualforscher zu wiederholten Interventionen zugunsten der „affectional pedophelia“, angeblich auf Gegenseitigkeit beruhender vorwiegend homosexueller, auch inzestuöser Handlungen Erwachsener an Kindern.

Kein Wunder also, dass die Grünen ihn ziemlich gut finden. Ein Schelm, wer Böses denkt. Aber Spaß beiseite. Also zum Kern des Ganzen und zu der Behauptung Moneys, Geschlechter-Rollen seien nur anerzogen. Der Psychiater Money wollte seine These auf einem Zwillings-Pärchen stützen. Der eine sollte wie ein Junge aufwachsen, der andere wie ein Mädchen.

Der plastische Chirurg, der am 3. Juli 1967 ihr 22 Monate altes Kind kastrierte und aus der Haut seines Hodensacks rudimentäre Schamlippen formte, handelte nicht selbständig. Er wirkte nur ausführend an einer psychotherapeutischen Behandlung mit. Das Skalpell diente als psychiatrisches Instrument. Aber das durfte Bruce, der fortan „Brenda“ heißen sollte, nie erfahren. Money schärfte dem Ehepaar Reimer ein, daß die Geschlechtsneuzuweisung nur gelingen konnte, wenn der Junge fortan konsequent als Mädchen erzogen würde. Deshalb mußte ihm die Operation verschwiegen werden. Alle, die wußten, was „Brenda“ im zarten Alter zugefügt worden war, mußten ihn (und seinen Zwillingsbruder) darüber belügen.

Doch Brendas Verhalten war jungenhaft

Wir erinnern uns: ein populärer Psychologe, eine Alice Schwarzer, die ihn bis ins 21. Jarhhundert als Beweiser der anerzogenen Geschlechterrollen anbrachte. Und die Grünen, Hofreiter und die Wizorek. Also Brenda, die früher mal Bruce war, wurde wie ein Mädchen erzogen, samt Kleidchen, Puppen und was halt so alles dazugehört. Doch Brenda kam irgendwann in die Pubertät. Und dann passierte Folgendes:

„Doch im Verhalten war „Brenda“ jungenhaft: Er wollte mit dem Spielzeug seines Bruders spielen, tobte und raufte, interessierte sich für Autos und Waffen statt für Puppen, Schmuck und Kleider. Von Money, bei dem die Familie jährlich in Baltimore erschien, wurde das als „Tomboy“-(Wildfang-)Verhalten bewertet, wie es auch sonst bei Mädchen vorkommt.“ Wildfang-Verhalten also. Sehen wir weiter.

„Der Widerstand, den „Brenda“ seiner Geschlechtsneuzuweisung entgegensetzte, und sein zunehmend kratzbürstiges, ruppiges und gewalttätiges Betragen wurden von John Money als „verspielter Negativismus“ bezeichnet. Bei Lehrern und Mitschülern allerdings lenkte „Brenda“ damit viel Unwillen auf sich; schon bald war das vermeintliche sonderbare Mädchen weithin isoliert. Es erhielt den Spitznamen „Höhlenmensch“. Ab dem Alter von elf Jahren – zu der Zeit feierte Money seinen Triumph in „Sexual Signatures“ – quälte sich „Brenda“ mit Selbstmordgedanken. Alle Anzeichen von Verwirrung und schließlich Verzweiflung, die das Kind zeigte, wurden von seinen Betreuungspersonen beiseite geschoben, uminterpretiert oder geleugnet.

Rückblickend nannte David Reimer seine Vergangenheit „eine unerträgliche Qual“. Die jährlichen Besuche bei Money in Baltimore entwickelten sich für „Brenda“ und Brian zur Folter. Money versuchte unentwegt, wie es seinem Konzept entsprach, an „Brendas“ Geschlechtsneuzuweisung weiterzuarbeiten. Da er aus dem Studium von Rhesusaffen die Bedeutung sexueller Enttabuisierung in der Kindheit abgeleitet hatte, sprach er unverschämt drastisch mit den Kindern über ihre Genitalien und ihre angebliche Sexualität. Er konfrontierte „Brenda“ mit ungeschönten Fotos des Geburtsvorgangs – um einige der weniger abscheulichen Schilderungen aufzugreifen, die Colapinto (ein Reporter des Rolling Stone) in seinem Buch wiedergibt.Als Erwachsener fühlte sich David Reimer durch einen Fernsehfilm über CIA-Folter an die Besuche bei Money erinnert; er verließ weinend das Zimmer.“

Ich will ein Junge sein

Money aber – nicht müde vom Sturrsinn und Wahnsinn – stellte fest: Es handele sich immer noch um eine Frau – aber eine Lesbe eben. Das muss man sich einmal vor Augen führen und auf der Zunge zergehen lassen.

Brenda“ widersetzte sich anhaltend. Er hatte schon in den Jahren zuvor wie sein Bruder große Angst vor Money entwickelt – weshalb dieser „Brendas“ Eltern verdächtigte, ihr Kind nicht hinreichend beeinflußt zu haben. Als Money bei „Brendas“ letztem Besuch in Baltimore die Hand auf dessen Schulter legte, floh das inzwischen 13 Jahre alte Kind in Panik. Money hatte zu dieser Sitzung einen umgestalteten Transsexuellen beigezogen, der „Brenda“ von den Vorzügen der vorgesehenen Operationen überzeugen sollte. Doch trat die entgegengesetzte Wirkung ein (…) Schließlich fragte ihn ein Endokrinologe ungeduldig: „Willst du ein Mädchen sein oder nicht?“ Diese suggestiv gemeinte Frage hatte „Brenda“, vor allem von Money, schon oft gehört, doch zum ersten Mal antwortete er jetzt mit Nein. Nach Rücksprache mit dem Arzt entschlossen sich Brians und „Brendas“ Eltern, ihren Söhnen reinen Wein einzuschenken.

Bruce wurde zu Brenda und nannte sich später David. Am Ende des Artikels stellt der Autor treffend fest:

Was Money schon 1965 behauptete, kann man heute (2006) auf der Website der christdemokratischen Frauenministerin von der Leyen lesen: daß Geschlechtsrollen im Gegensatz zum biologischen Geschlecht nur erlernt seien. Die Naturwissenschaften, etwa die Hirnforschung, haben diese Annahme längst widerlegt.

David Reimer erschoss sich am 4. Mai 2004, im Alter von 38 Jahren, mit einer Schrotflinte. Zuvor hatte er von verschiedenen, völlig unnötigen Foto-Shootings mit Money berichtet, bei denen er sexuell missbraucht wurde. Sein Zwillings-Bruder auch. Der starb bereits 2002: An einer Überdosis Schlaftabletten.

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