„Ikonen der Asyl-Debatte“ oder „Der neue Krieg der Bilder“

Bildschirmfoto 2015-09-18 um 14.42.25
Wir kennen das Mädchen Kim Phúc. Nicht unter ihrem bürgerlichen Namen. Aber wir kennen ihr von Todesangst durchsetztes Gesicht, ihren nackten Körper. Kims Todesangst brachte dem Fotografen Nick Uts den Pulitzer-Preis ein. Anno 1972 war das. Kim ist besser bekannt als „Napalm Girl“. Das Mädchen, das vor den Flammen davonrennt, an ihrer Seite vier andere Kinder und hinter ihr vier US-Soldaten.  Die bleiben seelenruhig. Kim schreit. 

Das Foto ging um die Welt. Für die US-Army war es ein PR-Desaster, das in den Irren und Wirren des Vietnamkrieges endgültig dafür sorgte, dass die Stimmung in der Heimat kippte. Anfangs gefeierte Helden, die angeblich gegen den Kommunismus und für Demokratie in den Dschungel zogen, kehrten plötzlich als Hassobjekte, als Unmenschen zurück nach Hause. Von der heimischen Bevölkerung bespuckt und bepöbelt.

Bildschirmfoto 2015-09-18 um 14.41.14
Der Vietnam-Krieg wurde so zum ersten „Krieg der Bilder“. Einem Krieg, indem Fotojournalisten vielleicht mehr Einfluss hatten, als die gesamte Multimilliarden Dollar teure Propaganda-Maschinerie der Vereinigten Staaten. Kims Geschichte ist ein Lehrstück. Sie zeigt, welche Macht Bilder haben können und wie sie die Menschen in ihrem politischen Denken beeinflussen.

Bildschirmfoto 2015-09-18 um 14.43.24
Ich hatte vor einigen Tagen ein Gespräch mit einem Kollegen. Wir haben diskutiert. Über den ertrunken Aylan Kurdi, den toten Flüchtlingsjungen am Strand von Bodrum, der aus Syrien über die Türkei und Kos nach Kanada reisen wollte. So wird es zumindest erzählt. Darüber, ob er eine solche Ikone für die Flüchtlings-Debatte wird. Oder zumindest als solche hochstilisiert werden kann. Konnte er nicht. Das aber verwundert kaum.

Bildschirmfoto 2015-09-18 um 14.41.34
Wer die Asyl-Berichterstattung der vergangenen Wochen aufmerksam verfolgt, der erkennt, dass viele Medien mittlerweile nahezu jedes Bild zur Ikone stilisieren wollen. Artikel über die gesamte Flüchtlingskrise, bebildert mit einem Kind oder einer Frau, die ihr Kind auf dem Arm hält. Das Flüchtlingsmädchen Reem. Nicht repräsentativ eigentlich, da vorwiegend junge Männer ins Land strömen. Aber herzlos ist der, der trotz dieser Kinder, der trotz Aylan für konsequente Abschiebung plädiert, oder nur dafür, den Flüchtlingsstrom zu kontrollieren. „Macht die Grenzen auf!“, schreit es aus den linken Redaktionen dieses Landes.  Ohne jeglichen Realismus, was das für ein intaktes System bedeuten würde. Ungeachtet der Gefahren, der wir uns dadurch de facto aussetzen würden.

Bildschirmfoto 2015-09-18 um 14.51.37
Doch es funktioniert auch andersrum. Bilder von randalierenden Flüchtlingen an der ungarischen Grenze werden als repräsentativ für die Debatte herbeigezogen, oder Bilder, auf denen nur junge Männer in Massen zu sehen sind, oder solche, auf denen Salafisten Asylbewerber rekrutieren. Um nur die Schattenseite der Flüchtlingskrise zu kuratieren, hunderte Gründe, in Bilder gefasst, warum man grundsätzlich niemanden oder niemanden mehr ins Land lassen sollte. Nicht repräsentativ eigentlich, aber zweckdienlich allemal.

Bildschirmfoto 2015-09-18 um 14.50.54

Allerdings, und vielleicht ist das auch nur meiner subjektiven Warhnehmung geschuldet, scheinen sich vor allem linke Medien der Suggestion zu bedienen. Ganz vorne mit dabei das Handelsblatt und die Huffington Post. Im rechten Spektrum sind es dann eher Gruppierungen wie Pegida oder „Direkte Demokratie für Europa“, die gezielt Artikel oder Beiträge auswählen, die den Menschen die schlechten Seiten einer massiven Einwanderung vor Augen führen sollen.

Bildschirmfoto 2015-09-18 um 14.51.16

Die Flüchtlings-Debatte hat sich zum „Krieg der Bilder“ entwickelt. Zu unserem „Krieg der Bilder“. Dabei sollten Medien doch objektiv berichten. Und jeder versuchen, objektiv zu  bleiben, wenn er ernsthaft an einer echten Debattenkultur teilhaben will. Jeder, der nicht versucht, sie unter dem Vorwand einer freien Meinungsäußerung zu torpedieren.

Bildschirmfoto 2015-09-18 um 15.04.05
Und zur Objektivität gehört eben auch, keine falschen Eindrücke zu vermitteln. Das wird aber reihenweise anders gehandhabt, je nachdem, wo sich Redaktion und Bild-Redaktion, Gruppen und Gruppierungen in der Debatte positionieren wollen. Irgendwo zwischen Luftballon-tragenden, applaudierenden, „Refugees Welcome“-Hurra-Deutschen und „Ausländer raus“-skandierenden-Knochenköpfen scheinen wir unseren gesunden Menschenverstand vorerst auf Eis gelegt zu haben. Und jeder von Euch Idioten glaubt doch glatt, seine Medien und seine Gruppen zeigten die Warhheit. Willkommen in Deutschland, willkommen in Propaganda-Land. Adiéu Demokratie!

Bildquelle: Facebook / Screenshots

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s