„Total fashion-crazy in Big B“ oder „Hat die deutsche Sprache so etwas verdient?“

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Jiep, ich habe fast ein bisschen Angst diesen Beitrag zu schreiben. Wer legt sich schon gerne mit einer ganzen Sippe modeverrückter Fashionistas und Fashionistos an, wenn er doch nur ein kleiner Blogger in den endlosen Weiten des Internets ist. Ich sehe schon wie ich durch Berlin renne, verfolgt von einer ganzen Herde Mode-Chicks, die gerade noch damit beschäftigt waren ihre neueste Louis Vuitton-Handtasche bei Instagram zu posten oder irgendwelche Herbst-Outfits auf  ihre Fashion-Tauglichkeit und die Trend-Tendenz zu testen. Damit der folgende Satz wirkt, müsst ihr Euch eine helle piepsige Stimme vorstellen, so Gossip Girl-Bitch-High-Society-Dings halt: „Yeah Boyz n‘ Girlz, endlich ist mein new Herbst-Styling-Post online und hey, ich hab was total special für Euch. XOXO“. Hat die deutsche Sprache so etwas – wirklich – verdient?

Ich hab‘ da so ein Credo, dass sich „Leben und leben lassen“ nennt. Deshalb vorab: Ich bin keiner von diesen verdrehten VICE-Anarchisten, die alles irgendwie schlecht finden, was weitestgehend als trendy bezeichnet wird (ausgenommen den eigenen Mode- und Meinungs-Stil, der gerade total trendy ist). Und ich habe auch nichts gegen Frauen, die sich modisch kleiden möchten oder hunderte von Euro für Schuhe ausgeben. Auch nichts gegen sogenannte Trendsetter, die immer ganz genau wissen, was im kommenden Frühjahr unbedingt im Kleiderschrank hängen muss und was rausfliegt, obwohl es im Moment noch voll stylish ist. Trends sind natürlich eine Illusion, geschaffen von Industrie und Designern, um Jahr für Jahr Geld zu scheffeln,  aber das ist ein anderes Thema. Mir geht es an dieser Stelle nur um eines: die deutsche Sprache.

Kürzlich saß ich bei einem Glas 2,99-Euro-Bordeaux in einer Küche in Schöneberg, als mein Gegenüber anfängt zu lachen, um mir schließlich den Grund ihrer Heiterkeit vorzulesen. Ein Facebook-Post der Gruppe „Blogger Bazaar Berlin“. Wenn mir das richtig erklärt wurde, dann geht man da wohl hin, um seine Kleidung, pardon, Outfit zu präsentieren und sich Zeugs von Bloggern zu kaufen, um sich wie sein Lieblings-Mode-Blogger zu kleiden, quasi eine Mischung aus Laufsteg und Flohmarkt mit Gratis-Getränken. Ein kleiner Auszug:

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Da saß ich nun in der eben noch so gemütlichen, bodenständigen, deutschen Küche. Vor lauter typographischer Schockstarre wäre ich am Bordeaux fast erstickt. Und spätestens bei „Mirror, mirror on the wall“ schlich sich kurz die Überlegung ein, ob der Erstickungs-Tod nicht eine gute Alternative wäre, um dem Wahnsinn zu entfliehen.

Nun kann ich es ja durchaus ertragen, dass mir in den einschlägigen Blogger-Gruppen ständig jemand erklären will wie ich mich zu kleiden habe. Ich kann ertragen, dass sich Mode-Blogger gerne als „Experten“ präsentieren, obwohl sie in erster Linie Klamotten irgendwelcher Firmen bewerben, die ihnen vorher ein kleines „Goodie-Bag“ zugeschickt haben. Oder über ihre „Foto-Shootings“ sinnieren und über Bilder, die eigentlich die kleine Schwester mit der Handykamera geknipst hat und beide keine Ahnung haben, was ein Weißabgleich ist. Filter drüber. Reicht.

Liebe Mode-Blogger, ihr habt das Internet doch längst gekapert und haltet es seit geraumer Zeit gnadenlos besetzt. Ihr staubt zahlreiche Likes, Herzchen und „Two fingers up“-Smileys für eure Beiträge ab und könnt Euch ganz entspannt in eurer Egomanie wälzen, weil doch immer mindestens ein User dabei ist, der den Herbst-Post mit „voll schön <3“ oder „beauty!“ kommentiert. Und das gönne ich Euch auch aus tiefstem Herzen. Wirklich. Dem „nicht mehr abonnieren“-Button sei Dank. Und dass sich die ein oder andere regelmäßig übergibt, um aus Liebe zu ihren „Fans“ den eigenen BMI zu halten: Finde ich total toll und vorbildlich.

Aber: Warum seid ihr so grausam und bombardiert nicht nur meine Facebook-Timeline und meinen Instagram-Account ständig mit Fashion-Posts, sondern führt gleichzeitig blutige Anschläge auf die deutsche Sprache durch? Welche Zwangsneurose steckt nur hinter Formulierungen wie „Big B“, „Mirror, mirror“ und „Shopping Bag“? Und – mal ohne Scheiss jetzt – redet ihr im Alltag auch so? Denn dagegen ist „Ich bin U-Bahn“ wirklich noch das geringste Problem – mit dem die deutsche Sprache zu kämpfen hat.

Aber vielleicht ist das alles nur eine Frage der Einstellung. Vielleicht bin ich einfach zu verkopft in der Überzeugung, dass bei „Spieglein, Spieglein“ weit mehr Melodie mitschwingt als bei „Mirror, mirror“. Vielleicht bin ich einfach zu wenig cool und trendy, zu wenig Fashionisto, zu out for that. Oder wie es Lisa, Lena und Tanja von „Blogger Bazaar Berlin“ formulieren:

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Ich bin dann mal raus.

 

 

 

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6 Gedanken zu “„Total fashion-crazy in Big B“ oder „Hat die deutsche Sprache so etwas verdient?“

  1. 😀 Sehr, sehr geiler Beitrag, schön geschrieben, oder wie wir sagen würden „totally Hashtag beautiful and aaaaaawesome <3"! Wir haben uns weggeschmissen vor Lachen und gestehen, Opfer unserer denglischen Zeit zu sein. Bewirb dich doch gerne bei uns als Texter – unsere österreichische Möchtegern-Amerikanerin, alias "Mirror Mirror", würde sich über Nachhilfe in Sachen deutscher Sprache freuen! Und Lisa und ich uns auch. 😉

    xoxo,
    I know you love me 😉

  2. Dieser Artikel ist jetzt ausschlaggebend dafür, dass ich deinem Blog jetzt folgen werde. Den hast du unheimlich gut geschrieben und du schreibst das, was ich über die ganzen Mode-Chicks so denke … Danke, für den ehrlichen und amüsanten Artikel! Mir geht es selbst auf die Nerven, dass die meisten überhaupt nicht mehr richtig schreiben. Ich gebe zu, dass ich die Serie Gossip Girl liebe, aber ich merke, dass GG doch auf viele abfärbt. Ich weiß nicht, ob sie denken, dass sie damit hip rüber kommen, ich finde es einfach nur billig. Und mal abgesehen davon: dass niemand mehr richtig Deutsch schreiben kann, das ärgert mich. Bei manchen Blogs empfinde ich es wie einen Unfall: ich KANN einfach nicht wegsehen, weil die Fehler so gravierend und peinlich sind.
    Jedenfalls noch einmal danke für diesen ehrlichen Artikel. Ich werde deinen Blog unter Garantie öfters besuchen!

    Liebe Grüße
    Dani

    P.S.: Lena, du hast mir jetzt meinen Abgang versaut! So wollte ich mich „verabschieden“ 😉 *hihi*

  3. Hahaha sehr cooler und amüsanter post! Da kann man dir in einigen punkten echt nur 100%ig zustimmen. Als Nicht-Berlinerin bin ich nicht im dieser bazaargruppe musste jetzt aber herzhaft lachen..diese formulierung finde ich auch wirklich ganz furchtbar.
    Und noch etwas am Rande: du schreibst ‚Fashionist‘ ich glaube, die männliche Form von Fashionista ist Fashionisto ;D
    Ist aber nur eine Vermutung…google könnte mein Freund sein aber dafür bin ich zu faul 😉
    In diesem Sinne: cooler post, toller blog!

    • Hallo Franzi, es heißt tatsächlich „Fashionisto“. Hab nochmal gegoogelt, kurz überrascht getan und es im Eintrag geändert. Danke für den netten Kommentar „by the way“. Liebe Grüße, Ben

  4. Muhaha… Klasse!

    Ich bin ja in einigen Blogger-Wordpressgruppen und sehe solche Posts da auch, schön regelmäßig. So wunderbar hätte ich aber nicht darüber schreiben können – herrlich!

    LG Thomas

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